Totgesagte leben länger - Der Value-Faktor feiert ein Comeback
Ist das „Schnäppchenjagen“ an der Börse wieder in Mode? Ein Blick auf historische Daten und die Frage, ob jetzt die Zeit für Antizykliker gekommen ist.
Wenn das Wort „Value-Investing“ fällt, haben die meisten Anleger sofort ein Bild im Kopf: Warren Buffett. Das „Orakel von Omaha” hat den Ansatz, unterbewertete Qualitätsunternehmen zu kaufen und ewig zu halten, über Jahrzehnte geprägt.
Doch man muss kein Milliarden-Investor sein, um diesen Stil zu kopieren. Der Value-Faktor lässt sich heute bequem über ETFs ins Depot holen. Und wer genau hinsieht, bemerkt: In den letzten Jahren läuft Value wieder bemerkenswert gut und sogar besser als der klassische MSCI World. Doch seit der Auflage der ersten Value-ETFs vor gut 10 Jahren ist das Bild ernüchternd.
Der Blick auf den Chart: Ein Trauerspiel?
Werfen wir einen Blick auf die nackten Zahlen seit Auflegung gängiger Value-ETFs (wie dem iShares Edge MSCI World Value Factor UCITS ETF, WKN: A12ATG) im Jahr 2014 im Vergleich zum klassischen MSCI World.
Das Bild scheint auf den ersten Blick ernüchternd: Der normale MSCI World hat den Value-Ansatz im letzten Jahrzehnt deutlich abgehängt. Während der klassische MSCI World in der letzten Dekade mit durchschnittlich 11 bis 12 % Rendite p.a. glänzte, musste sich der Value-Ansatz mit 7 bis 8 % begnügen. Warum? Weil im klassischen Index die großen Tech-Giganten (Apple, Microsoft, Nvidia) den Ton angeben – und genau diese „Growth“-Werte hatten einen historischen Lauf. Value-Aktien wirkten daneben wie langweilige Ladenhüter.
Die Chance für Antizykliker? Warum beschäftigen wir uns heute also mit einem Faktor, der zuletzt eine deutlich schlechtere Performance gezeigt hat als der Standard-Index? Weil Börse keine Einbahnstraße ist. Verkürzt man den Betrachtungszeitraum auf fünf Jahre, hat sich das Bild bereits gewandelt. Hier liegt der Value-Faktor leicht vor dem breiten Markt. Noch deutlicher wird diese Entwicklung auf Jahresbasis. Während der klassische MSCI World (in Euro gerechnet) Zuwächse im Bereich von etwa 5 % verzeichnete, konnte der Value-Ansatz um über 18 % zulegen. Das zeigt: Die Rotation hin zu Substanzwerten ist keine graue Theorie mehr, sondern spiegelt sich in der jüngsten Performance bereits deutlich wider.
Angesichts der historisch hohen Bewertungen im MSCI World und der extremen Marktkonzentration auf wenige US-Titel lohnt sich ein Blick auf die „zweite Reihe“ zudem umso mehr. Der Bewertungsunterschied ist derzeit besonders groß, also für Value-Aktien besonders attraktiv. Somit bietet sich hier vielleicht eine Gelegenheit, antizyklisch zu handeln – also gegen den Strom zu schwimmen und dort zu investieren, wo die Masse gerade nicht hinschaut.
Gehen wir dem Phänomen auf den Grund.
1. Was ist eigentlich der Value-Faktor?
Beim Value-Investing geht es im Kern darum, Aktien zu finden, die im Verhältnis zu ihren fundamentalen Daten an der Börse „zu billig“ gehandelt werden. Dabei filtert der MSCI World Enhanced Value Index Unternehmen anhand von drei Kennzahlen: dem Kurs-Buchwertverhältnis, dem Kurs zu künftigen Gewinnerwartungen sowie dem Verhältnis von Unternehmenswert zu operativem Cashflow. Der Clou ist dabei die sektorneutrale Gewichtung, die sich strikt an der Sektorverteilung des klassischen MSCI World orientiert. Es werden für jeden Sektor die günstigsten Aktien herausgefiltert, um nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen.
2. Der Blick in die Geschichtsbücher: 2 % Extra-Rendite
Dass der Value-Ansatz funktioniert, ist statistisch gut dokumentiert. Langfristige Auswertungen des Aktienmarktes belegen, dass günstig bewertete Substanzwerte (Value) im Schnitt eine jährliche Überrendite von knapp zwei Prozentpunkten gegenüber Wachstumsaktien (Growth) erzielt haben. Die ökonomische Begründung dahinter ist die Risikoprämie: Anleger werden langfristig dafür entlohnt, dass sie Kapital in Unternehmen stecken, die vom Markt gerade skeptisch beäugt werden oder als „langweilig“ gelten, anstatt den populären und teuren Highflyern hinterherzulaufen.
Doch Papier ist geduldig und Kritik an solchen langen Rückrechnungen ist durchaus angebracht. Ein gewichtiges Gegenargument lautet: Wurde die Prämie mit ihrer wissenschaftlichen Entdeckung im Jahr 1992 schlichtweg „wegarbitriert“? Sobald ein Marktvorteil bekannt ist, stürzen sich Investoren darauf, was die Überrendite in der Theorie zunichtemacht. Für uns Privatanleger ist jedoch eine andere Frage noch entscheidender: Wie verhält sich der Faktor in der Zeitspanne, in der wir tatsächlich über kostengünstige ETFs daran partizipieren können? Für diesen Zeitraum weicht die Praxis deutlich von der Theorie ab.
3. Die potenziellen Vorteile
Historische Überrendite: Langfristige Datenreihen zeigen, dass der Value-Faktor über lange Zeiträume hinweg eine statistisch belegbare Mehrrendite gegenüber dem Gesamtmarkt erzielt hat.
Antizyklische Chance: Die Bewertung erscheint aktuell besonders attraktiv. Zudem zeigt der Blick auf die jüngste Kursentwicklung, dass das Momentum auf kürzeren Zeithorizonten bereits gedreht hat.
Günstige Bewertung: Man versucht sozusagen „den Dollar für 80 Cent“ zu kaufen.
Diversifikation: Zwar wirkt der Index mit weniger als 400 Titeln auf den ersten Blick konzentrierter, doch mit einem Top-10-Gewicht von ca. 22 % (im Vergleich zu 28 % beim MSCI World) ist das Klumpenrisiko an der Spitze tatsächlich geringer. Besonders spannend für die Depot-Struktur: Es gibt aktuell keine einzige Überschneidung bei den zehn größten Positionen der beiden Indizes. Zudem ist das US-Gewicht mit unter 40 % deutlich geringer.
Dividenden: Es lohnt sich auch ein Blick für Dividendenjäger. Den Index gibt es beispielsweise von iShares auch in einer ausschüttenden Variante (IE00BFYTYS33), die aktuell ca. 3 % Dividendenrendite bietet.
4. Die potenziellen Nachteile
Die „Value Trap“: Manchmal ist eine Aktie günstig, weil das Unternehmen wirkliche Probleme hat oder das Geschäftsmodell keine Zukunft mehr hat. Nicht jedes Schnäppchen ist ein guter Kauf. Was günstig ist, kann auch günstig bleiben – oder sogar noch günstiger werden.
Schmerzhafte Durststrecken: Wie der Chart seit 2014 zeigt, kann der Value-Faktor über Jahre hinweg schlechter laufen als der Markt. Man braucht starke Nerven und Geduld, um nicht vorzeitig das Handtuch zu werfen.
Höhere Kosten: Faktor-ETFs sind oft etwas teurer als Standard-Indizes – das gilt sowohl für die laufenden Gebühren (TER) als auch für interne Transaktionskosten, die durch das regelmäßige Umschichten (Rebalancing) des ETFs entstehen.
Fazit für dein Depot
Die historischen Daten sprechen eine klare Sprache: Langfristig hat Value eine beachtliche Überrendite geliefert. Doch die letzten zehn Jahre haben gezeigt, dass es keine Garantie gibt und Phasen der „Underperformance“ schmerzhaft lang sein können. Auf Sicht von fünf Jahren hat sich das Bild jedoch verändert und der Value-Faktor weist eine leichte Überrendite auf. Noch deutlicher zeigt sich dieses Bild auf Sicht von einem Jahr.
Wer das „Klumpenrisiko” im klassischen MSCI World reduzieren möchte und an die Rückkehr zu normalen Bewertungen glaubt, für den könnte eine Beimischung von Value-ETFs interessant sein. Es ist eine Wette darauf, dass sich Geschichte am Ende vielleicht nicht wiederholt, aber doch reimt – und dass auch an der Börse irgendwann wieder der wahre innere Wert zählt.
Ob jetzt der richtige Einstiegszeitpunkt ist? Das weiß niemand sicher, denn Market Timing ist auch bei Faktoren schwer bis unmöglich. Aber für Antizykliker könnten Value-ETFs einen Blick wert sein.