Kaufen oder Abwarten? Warum Rekordkurse nicht immer „teuer“ bedeuten
Das „Allzeithoch“ ist für viele Anleger ein Wort, das gleichzeitig Begeisterung und Verunsicherung auslöst. Wenn die Kurse von Rekord zu Rekord eilen, drängt sich die Frage auf: Ist die Party bald vorbei? Sind Aktien mittlerweile einfach zu teuer?
Die kurze Antwort: Ein hoher Kurs allein sagt wenig aus. Erst wenn wir den Preis beispielsweise ins Verhältnis zum Gewinn setzen (das Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz KGV), sehen wir, ob wir für unser Geld auch einen entsprechenden Gegenwert bekommen. Doch wer blind auf das KGV schaut, übersieht oft das Kleingedruckte.
KGV & Forward-KGV: Zwischen Rückspiegel und Kristallkugel 🔮
Das KGV verrät dir vereinfacht, wie viele Jahre es dauern würde, bis ein Unternehmen seinen aktuellen Börsenwert durch Gewinne zurückgezahlt hat. Ein KGV von 28 bedeutet: Du zahlst 28 € für 1 € Gewinn.
Aber Vorsicht – das KGV hat seine Tücken:
👉 Blick in den Rückspiegel und nach vorn: Zuverlässige Daten gibt es an der Börse nur für die Vergangenheit. Die Börse handelt aber bekanntlich die Zukunft. Deshalb nutzen viele das Forward-KGV (erwartete Gewinne der nächsten 12 Monate). Aber: Diese Prognosen basieren auf Analystenschätzungen und da auch die Profis bekanntlich keine Kristallkugeln im Büro stehen haben, können diese Erwartungen auch mal daneben liegen.
👉 Keine goldene Regel: Es gibt keine feste Zahl, ab der eine Aktie „teuer“ ist. Ein KGV von 30 kann für ein Tech-Unternehmen mit 50 % Gewinnwachstum ein Schnäppchen sein, während ein KGV von 10 für eine sterbende Branche bereits eine „Value-Falle“ darstellen kann.
👉 Die „Index-Verzerrung“: Bei der Berechnung auf Index-Ebene werden negative KGVs (Unternehmen mit Verlusten) oft einfach ignoriert. Zudem können extreme Ausreißer das Bild massiv verfälschen.
Ein Rechenbeispiel: Stell dir einen gleichgewichteten Index mit 100 Aktien vor. 99 davon haben ein KGV von 10. Eine einzige Aktie hat ein KGV von 10.000. Das Index-KGV läge rechnerisch bei 109,9 – obwohl 99 % der Titel eigentlich günstig bewertet erscheinen!
Die nackten Zahlen: Eine gespaltene Welt 🌎
Schauen wir uns die aktuelle Lage an, sehen wir kein einheitliches Bild, sondern – wie die Grafik zum KGV-Vergleich zwischen dem MSCI USA und dem MSCI World ex USA verdeutlicht – einen enormen Bewertungsunterschied zwischen den USA und dem „Rest der Welt”. Dabei zeigt sich insbesondere, dass die größten Unternehmen derzeit die höchsten Bewertungen aufweisen:
👉 S&P 500 Top 20: Die 20 größten Unternehmen der USA wirken mit einem KGV von 38,62 extrem sportlich bewertet. 🔥
👉 MSCI USA: Der gesamte US-Markt liegt bei einem KGV von 27,81 (Forward-KGV: 22,28). Immer noch gehoben, aber moderater als die Spitze.
👉 MSCI World Mid Cap: Wer eine Etage tiefer schaut, findet deutlich günstigere Preise. Der Mid-Cap-Bereich (für den es mit dem L&G MSCI World Mid Cap mit der ISIN IE000DPO6LM8 seit dem 20. Januar 2026 übrigens den ersten UCITS-konformen ETF gibt) kommt auf ein KGV von knapp 22.
👉 MSCI World ex USA: Der Rest der „entwickelten Welt” wirkt mit einem KGV von 17,84 (Forward-KGV: 16,66) hingegen moderat bewertet.
Zudem lassen sich verschiedene Strategien schwer vergleichen: Finanzsektor- oder Dividenden-ETFs haben oft niedrigere KGVs als Tech-Indizes. Aber Achtung: Viele Dividenden-ETFs haben gegenüber dem MSCI World in den letzten Jahren deutlich schlechter performt. „Günstig“ heißt eben nicht automatisch „erfolgreich“.
Günstig vs. teuer: Wer hat die Nase vorn?
Wer gezielt günstig kaufen will, landet beim Value-Faktor. Hier ist der Kurs zur zukünftigen Gewinnerwartung nur eine der drei Variablen (neben Kurs-Buchwert- und Kurs zu operativen Cashflow-Verhältnis), wonach die Aktien im ETF ausgewählt werden. Historisch konnten Value-Aktien gegenüber dem breiten Markt eine klare Outperformance liefern.
Doch die Realität seit der Auflage der Value-ETFs 2014 sieht anders aus: Der klassische MSCI World brachte in diesem Zeitraum die deutlich höhere Rendite, auch wenn Value zuletzt wieder etwas Boden gutmachen konnte. Das Gegenteil zeigt der MSCI World Momentum: Er weist tendenziell ein höheres Index-KGV auf, da er in Aktien investiert, die bereits teurer sind, aber in der Theorie weiter steigen. Das Ergebnis? Seit Auflage der Faktor-ETFs ist der Momentum-Ansatz der unangefochtene Spitzenreiter: Er hat nicht nur alle anderen Faktoren hinter sich gelassen, sondern auch den klassischen MSCI World in der Performance deutlich abgehängt! 🚀
Ein ähnliches Bild zeigt sich beim MSCI World Growth, der bei einem noch höheren Index-KGV eine vergleichbare Performance zum Momentum-Faktor liefert, jedoch nicht über UCITS-ETFs handelbar ist.
Fazit: Das KGV als Kompass, nicht als Autopilot
Das Index-KGV ist ein wichtiges Maß, um sich ein Stimmungsbild am Markt zu verschaffen. Es hilft uns, aktuelle Bewertungen mit historischen Durchschnitten zu vergleichen und eine Tendenz zu erkennen.
Es sollte aber niemals das alleinige Kriterium für deine Investition sein. Nur weil die Top 20 der USA „teuer“ aussehen, muss das kein Grund zum Ausstieg sein. Wer sich unwohl fühlt, kann über eine breitere Streuung nachdenken, zum Beispiel indem man die günstiger bewerteten Mid Caps oder Märkte außerhalb der USA stärker gewichtet. ⚖️
Tipp: Wenn du die aktuellen KGVs deiner Lieblings-Indizes selbst prüfen möchtest, findest du diese Informationen übrigens in den offiziellen Factsheets von MSCI.