Ein Jahr „Liberation Day“ und sieben Erkenntnisse
Manche Trophäen muss man sich mühsam erarbeiten oder wartet, trotz größter persönlicher Überzeugung, vergeblich darauf. Während Donald Trump wohl immer noch der Überzeugung ist, den Friedensnobelpreis bekommen zu müssen, hat er pünktlich zum ersten Jahrestag seiner zweiten Amtseinführung eine ganz andere Auszeichnung abgeräumt: das „Börsenunwort des Jahres 2025“.
Ob er sich über diesen Titel genauso freut, bleibt offen, aber mit dem Spitzenreiter „Liberation Day“ (seine heroische Umschreibung für den Tag der Zoll-Eskalation) und seiner „One Big Beautiful Bill“ auf Platz 3 hat er die Shortlist fast im Alleingang dominiert. Verdient hat er sich diesen „Erfolg“ allemal und für vergleichbare Titel qualifiziert sich Trump beinahe täglich neu. Doch was ist nach einem Jahr „Liberation Day“ eigentlich geblieben? Wir ziehen heute Bilanz und versuchen, die Puzzleteile wieder zusammenzusetzen, die Trump seit gut einem Jahr an den Kapitalmärkten durcheinandergewirbelt hat.
- Zölle: Das teure „Eigentor“ mit Ansage?
Die protektionistische Rhetorik versprach, die Welt zur Kasse zu bitten und die US-Industrie hinter einer Schutzmauer zu alter Stärke zu führen. Doch die ökonomischen Marktmechanismen lassen sich nicht per Dekret abschalten. Wie eine Analyse des Kiel Instituts für Weltwirtschaft belegt, zahlen am Ende fast vollständig die US-Konsumenten für Trumps Zölle.
Es handelt sich faktisch um eine indirekte Konsumentensteuer, welche die Kaufkraft im Inland spürbar dämpft und Lieferketten verteuert. Zwar wurden die Zölle zwischenzeitlich gerichtlich gekippt, doch Trump hat bereits neue Wege gefunden, seine handelspolitische Agenda dennoch voranzutreiben, weshalb das Thema für die Märkte dauerhaft präsent bleibt.
Zölle sind pures Gift für die globale Konjunktur. Da die USA weiterhin die größte Volkswirtschaft der Welt sind, hat jede handelspolitische Entscheidung aus Washington D.C. einen massiven Einfluss auf die gesamte Weltwirtschaft – wenn dort die Barrieren steigen, spürt das fast jedes Unternehmen, egal ob es in den USA, Asien oder in Europa ansässig ist.
Zwei entscheidende Punkte nehmen wir hier aus diesem Jahr mit:
👉 Asset Allokation als Schutz: Vor globalen Handelskonflikten gibt es innerhalb eines reinen Aktiendepots kaum ein echtes Versteck. Wer jedoch nicht zu 100 % in Aktien investiert war, konnte die nervösen Zuckungen der Märkte deutlich entspannter aussitzen. Es zeigt sich, dass eine breite Diversifikation über Regionen und Sektoren bei Aktien wichtig ist, doch am Ende zählt auch die richtige Mischung über Anlageklassen hinweg.
👉 Ruhe bewahren und die Kunst des „Deals“: Wir haben im letzten Jahr oft und insbesondere nach dem „Liberation Day“ blitzschnelle, V-förmige Erholungen gesehen. Das liegt zum einen daran, dass Trump ein großes persönliches Interesse an steigenden Aktienkursen hat, da er diese als Gradmesser für seinen eigenen Erfolg betrachtet. Zum anderen ist es Teil seiner Verhandlungsstrategie, grundsätzlich mit extremen Maximalforderungen in die Gespräche zu gehen, um dann relativ schnell „Deals“ mit deutlich moderateren Zöllen zu präsentieren. Wer hier beim ersten Säbelrasseln panisch verkauft hat, wurde von der anschließenden Markterholung meist eiskalt erwischt.
- Geopolitik: Zwischen „die Macht des Stärkeren“ und „TACO“
Die US-Außenpolitik folgte im letzten Jahr dem unverblümten Prinzip der Macht des Stärkeren. Von den fast schon surreal anmutenden neuen Begehrlichkeiten gegenüber Grönland bis hin zum Militäreinsatz in Venezuela und dem Krieg im Iran – Diplomatie wurde oft durch reine Muskelspiele ersetzt. Wer gehofft hatte, die USA würden unter Trump zur stabilisierenden Ordnungsmacht, wurde eines Besseren belehrt.
Hinter diesem rüden Auftreten steckt wieder ein bekanntes Muster: Trumps ganz persönlicher „Art of the Deal“. Seine Strategie besteht fast immer darin, mit völlig überzogenen Maximalforderungen in Verhandlungen einzusteigen, um die Gegenseite massiv unter Druck zu setzen und am Ende einen Kompromiss als „historischen Deal“ zu verkaufen.
Interessanterweise war es vor allem der Anleihenmarkt, der Trump im vergangenen Jahr immer wieder in die Schranken wies. Stiegen die Renditen aufgrund politischer Unsicherheit zu stark an – was die Refinanzierungskosten der USA verteuert – musste Trump einlenken. In diesem Zusammenhang hat sich an der Wall Street der Begriff „TACO“ (Trump Always Chickens Out) festgesetzt. Es beschreibt das Phänomen, dass Trump oft genau dann klein beigibt und zum „Deal“ einlädt, wenn der Gegenwind von den Märkten zu stürmisch wird.
Dass ein Krieg jedoch weitaus schwerer zu beenden ist, als er angefangen wurde, zeigt sich aktuell im Iran. Hier wirkt es so, als habe Trump die Ausmaße, die der Krieg annimmt, drastisch unterschätzt. Er wirkt zum Teil fast hilflos und planlos. Zudem erweist sich der Iran als unnachgiebiger Kontrahent, der mit maximalem Widerstand versucht, den Druck auf die US-Administration stetig zu erhöhen und Trumps Handlungsspielraum gezielt zu begrenzen. In diesem Krieg gilt am Ende eben: It takes two to TACO.
- Schwacher US-Dollar und billiges Öl
Trump hat zwei seiner erklärten Ziele bis zum Iran-Krieg konsequent verfolgt: Den Dollar zu schwächen, um US-Exporte wettbewerbsfähiger zu machen, und den Ölpreis zu drücken, um die Produktionskosten zu senken. Doch mit dem Kriegsausbruch hat sich dieses Bild grundlegend gewandelt. Infolge der Eskalation ist der Ölpreis massiv angestiegen, während der Dollar wieder an Stärke gewonnen hat. Für Euro-Anleger bedeutete dies eine erneute Kehrtwende: Die zuvor geschmolzenen Währungsgewinne kehrten zuletzt zurück, da der Dollar gegenüber dem Euro wieder an Boden gewann.
Betrachtet man jedoch den langfristigen Chart seit Einführung des Euro, zeigt sich trotz dieser jüngsten Turbulenzen eine bemerkenswerte Konstanz. Wir bewegen uns unterm Strich immer noch in der Nähe des Niveaus, das wir bei der Euro-Einführung 2002 hatten.
Wer sich gegen solche Schwankungen schützen will, kann dies z. B. mit währungsgesicherten ETFs tun, die jedoch auch ihre Kosten haben. Die bessere Alternative bleibt daher eine breite globale Diversifikation, die Währungsrisiken über viele Regionen hinweg puffert.
- „One Big Beautiful Bill“: Die Party auf Pump?
Platz 3 der Börsenunwörter steht für das massive Steuersenkungspaket. Trump tut alles, damit die US-Wirtschaft unter seiner Führung brummt – koste es, was es wolle. Doch die Nachhaltigkeit steht auf einem ganz anderen Blatt. Die US-Staatsverschuldung wächst in einem Tempo, das Ökonomen weltweit warnen.
Das Narrativ aus dem Weißen Haus lautet: Die Zölle werden alles bezahlen. Doch diese Einnahmen sind in Trumps Rhetorik bereits mehrfach verplant – für Direktschecks an Bürger, für die Schuldentilgung oder für die Verteidigung. Die amerikanische Staatsverschuldung sollte man als Anleger im Auge behalten. Während die US-Wirtschaft kurzfristig befeuert wird, wächst das Risiko für die langfristige Stabilität des Finanzsystems.
- Inflation und die FED: Die Personalie Kevin Warsh
Trotz aller Versprechen bekam Trump die Inflation im vergangenen Jahr nicht unter Kontrolle. Die Zölle und ein länger anhaltender hoher Ölpreis wirken hier wie ein Brandbeschleuniger für die Preise. Die sogenannte „Affordability Crisis“ in den USA führt dazu, dass viele die gestiegenen Lebenshaltungskosten kaum noch tragen können. Im aktuellen Zwischenwahljahr könnte Trump dies wichtige Stimmen kosten.
Gleichzeitig erlebten wir eine beispiellose Untergrabung der Unabhängigkeit der US-Notenbank (FED). Trump schoss regelmäßig verbal gegen Jerome Powell und forderte aggressiv Zinssenkungen. Die Überraschung folgte mit der Ernennung von Kevin Warsh zum neuen US-Notenbank-Chef. Viele hatten einen reinen „Ja-Sager“ erwartet, doch Warsh gilt als geldpolitischer Falke (Hawk). Er steht für eine restriktivere Geldpolitik und mahnt solide Staatsfinanzen an. Diese Personalentscheidung war vermutlich ein strategischer Schachzug und soll das Vertrauen der Märkte in die Stabilität des Dollars zurückgewinnen, auch wenn Warshs restriktive Ader eigentlich im Widerspruch zu Trumps Wunsch nach „billigem Geld“ steht.
- Debasement Trade: Gold zwischen Glanz und Crash
Das schwindende Vertrauen in Papierwährungen und die Angst vor einer Entwertung des Dollars (Debasement) führten dazu, dass Gold in den vergangenen Monaten als „sicherer Hafen“ gesucht wurde. Mit einer beeindruckenden annualisierten Rendite von über 14 % in den letzten 10 Jahren konnte Gold seinen Wert zwischenzeitlich fast vervierfachen. Doch Gold ist kein risikoloses Investment, wie sich in den vergangenen Wochen zeigt. Ausgelöst durch die Ernennung von Kevin Warsh wurde Gold massiv abverkauft. Der Kurs brach innerhalb von nur zwei Handelstagen um knapp 20 % ein. Auch im Zuge des Iran-Kriegs ist der Goldpreis stark gefallen. Das zeigt deutlich: Gold ist ein hervorragender Diversifikator aufgrund seiner geringen Korrelation zu Aktien, sollte im Portfolio aber stets als risikobehafteter Teil betrachtet werden.
- Trump-Gewinner und -Verlierer
Das Bild nach über einem Jahr Trump 2.0 ist paradox. Während „America First“ das Mantra war, konnten Emerging Markets und Europa die US-Märkte über weite Strecken outperformen. Auch der Bitcoin, der oft als „Trump-Asset“ gehandelt wurde, liegt seit der Amtseinführung deutlich im Minus.
Doch die Wahrheit ist auch: Ein anderes Narrativ war im vergangenen Jahr ebenso marktbewegend wie die Politik im Oval Office: Künstliche Intelligenz. Dabei entscheidet der Markt fast täglich neu, wer zu den KI-Gewinnern oder -Verlierern gehört. Besonders deutlich wird dies im Software-Sektor, der die letzten Monate massiv unter dem Narrativ „KI frisst Software“ leidet und an der Börse abgestraft wird. Im krassen Gegensatz dazu stehen die Hardware-Ausrüster, die nach wie vor von den gigantischen Investitionen in Datencenter und KI-Infrastruktur profitieren.
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