Wie der Markt dich kurzfristig täuscht, aber langfristig belohnt
Falls du dich in der letzten Zeit das ein oder andere Mal dabei ertappt hast, mit einem nervösen Finger über dem Kaufen-Button für Öl-Zertifikate oder Öl-Aktien zu schweben, während du deine MSCI-World- oder Gold-Anteile skeptisch beäugst: Keine Sorge, das ist völlig normal – unser intuitives Denken ist leider ein lausiger Investor und der Markt hat uns in den letzten Wochen ein perfektes Lehrstück für den sogenannten Recency-Bias geliefert.
Werfen wir einen Blick auf die Zahlen, die dieses psychologische Phänomen gerade so befeuern.
Die Momentaufnahme: Wenn das Rauschen zu laut wird
In den letzten zwei Monaten (23.01. bis 30.03.2026) scheint die Welt kopfzustehen. Die Performance-Zahlen sind ernüchternd für jeden passiven Anleger. Insbesondere das oft als sicherer Hafen betitelte Gold konnte diesem Ruf nicht gerecht werden und hat zeitweise über 20 % unter seinem Allzeithoch notiert.
Der Ölpreis und damit verbunden auch Öl-Aktien, wie im MSCI World Energy Sector enthalten, sind seit Jahresbeginn die Top-Performer:
👉 WTI Crude Oil: +61,27 %
👉 MSCI World: -4,27 %
👉 Gold (Xetra-Gold): -6,15 %
Doch genau hier schnappt die Falle des Recency Bias zu. Diese kognitive Verzerrung sorgt dafür, dass wir die jüngsten Ereignisse stark überbewerten und sie fälschlicherweise in die Zukunft projizieren. Unser Steinzeitgehirn flüstert uns zu: „Öl ist in wenigen Wochen um 60 % gestiegen – das wird jetzt immer so weitergehen!“
Das Problem? Dieser Bias blendet alles aus, was vor dem letzten Monat passiert ist. Er macht uns blind für Zyklen, Bewertungen und historische Wahrscheinlichkeiten. Er verwandelt eine langfristige Strategie in ein emotionales Glücksspiel, weil wir das laute Rauschen der täglichen Schlagzeilen für das eigentliche Signal halten.
When in doubt, zoom out
Um den Recency-Bias zu besiegen, hilft nur ein beherztes Drücken auf die Zoom-out-Taste. Wenn wir den Blickwinkel von zwei Monaten auf knapp 17 Jahre weiten (September 2009 bis heute), können wir uns entspannt zurücklehnen, ohne in unnötigen Aktionismus zu verfallen.
In den letzten 17 Jahren (2009 – 2026):
👉 MSCI World: +546,32 %
👉 Gold: +488,09 %
👉 Öl (WTI): -20,36 %
Plötzlich ändert sich das Bild grundlegend. Die beeindruckende Öl-Rallye der letzten Wochen ist im größeren Kontext kaum mehr als ein kurzes Aufflackern. Wer 2009 auf das „schwarze Gold“ setzte, sitzt heute – trotz des aktuellen Booms – auf einem Verlust. Wer hingegen stoisch am breiten Aktienmarkt oder an Gold festhielt, hat sein Vermögen vervielfacht.
Fazit: Der Zeitraum bestimmt die Story
Die wichtigste Erkenntnis für dein Depot? Die kurze Frist ist allenfalls für die Unterhaltung zuständig, die lange Frist hingegen für deinen Wohlstand.
Der Recency-Bias will dich dazu verleiten, deine langfristige Strategie für eine kurzfristige Story zu opfern. Doch wer dem lautesten Signal hinterherläuft, kommt meistens erst an, wenn die Party schon vorbei ist.
Lass dich vom aktuellen Marktrauschen nicht beirren. Ein klug diversifiziertes Depot braucht keinen wilden Aktionismus, sondern vor allem eines: die emotionale Disziplin und das damit verbundene Festhalten an bewährten Strategien. Oder anders gesagt: When in doubt, zoom out.