Dividenden-Aristokraten: Qualität als Performance-Treiber?
Was macht eigentlich einen guten Dividenden-ETF aus? In der Finanzwissenschaft herrscht eine klare Meinung: Dividenden an sich sind kein eigenständiger Faktor, der langfristig eine Outperformance gegenüber dem breiten Markt bringt. In den Medien wird auch häufig das Argument „linke Tasche, rechte Tasche“ angeführt und der steuerliche Nachteil, der dadurch zusätzlich entsteht.
Doch schaut man genauer hin, zeigt sich: Wenn bei Dividendentiteln zusätzliche Qualitätsfilter genutzt werden, verändert sich das Bild massiv. Indizes, die nicht auf die höchste Dividendenrendite, sondern beispielsweise auf Kontinuität und Nachhaltigkeit der Dividenden setzen, können eine Stabilität ins Depot bringen, die weit über das bloße „Einsammeln von Cash“ hinausgeht.
Die nackten Zahlen: der „Aristokraten-Vorteil“
Das Research von S&P Global „S&P 500 Dividend Aristocrats: The Importance of Stable Dividend Income“ (Unternehmen, die seit mindestens 25 Jahren ihre Dividenden jährlich steigern) deckt eine langfristige Überlegenheit auf, die viele überraschen wird.
Im langfristigen Vergleich (1989 bis 2025) lieferten die Aristokraten eine jährliche Rendite von 11,6 %, während der breite S&P 500 „nur“ auf 10,6 % kam. Was nach einem kleinen Prozentpunkt klingt, macht über Jahrzehnte durch den Zinseszins einen gewaltigen Unterschied im Endvermögen.
Doch der eigentliche Clou ist nicht nur die Rendite, sondern das Risiko-Profil:
👉 Geringere Volatilität: Während der S&P 500 eine annualisierte Volatilität von 14,8 % aufwies, kamen die Aristokraten auf 14,0 %. Du bekommst also mehr Rendite bei weniger Schwankungen.
Das Geheimnis: Gewonnen wird in der Krise
Die Studie von S&P zeigt deutlich: Die Outperformance der Dividenden-Aristokraten entsteht nicht in euphorischen Bullenmärkten, sondern durch ihre Resilienz, wenn es an der Börse kracht. Die Daten des Papers zeigen:
👉 In fallenden Märkten (Down Months): In 66,67 % aller Monate, in denen der breite S&P 500 im Minus landete, schnitten die Aristokraten besser ab. In zwei von drei Krisenmonaten haben sie den Verlust also effektiv abgefedert.
👉 In steigenden Märkten (Up Months): Hier liegt die Quote bei 43,88 %. Dies bestätigt: Wenn die Börsenparty in vollem Gange ist, halten sich die Dividenden-Titel eher dezent zurück.
👉 Über alle Monate hinweg: Insgesamt schlagen sie den S&P 500 in 51,66 % der Zeit.
👉 Maximaler Drawdown: Die defensiven Qualitäten werden auch beim maximalen historischen Wertverlust deutlich. Während der breite S&P 500 einen Rückschlag von -50,95 % verkraften musste, hielten sich die Aristokraten mit einem Minus von -44,05 % spürbar stabiler.
Das Fazit: Wer in Krisen weniger verliert, muss im Aufschwung weniger aufholen, um neue Höchststände zu erreichen. Dies führte langfristig zu einer klaren Outperformance gegenüber dem breiten Markt.
Die Kehrseite: Warum es zuletzt zäh war
Trotz dieser beeindruckenden langfristigen Historie war die Performance der Dividenden-Aristokraten in den letzten 15 Jahren deutlich schlechter als die des breiten Marktes. Ein Blick auf die annualisierten Renditen macht das Ausmaß der jüngsten Underperformance deutlich:
👉 3-Jahres-Sicht: Hier hinkten die Aristokraten mit 6,8 % p.a. dem breiten S&P 500 (12,6 % p.a.) deutlich hinterher.
👉 5-Jahres-Sicht: Die Underperformance setzt sich mit 11,9 % gegenüber unglaublichen 16,9 % beim S&P 500 fort.
👉 10-Jahres-Sicht: Auch hier zeigt sich mit 10,1 % zu 13 % ein klarer Rückstand der Aristokraten.
Warum war das so? Wir haben eine außergewöhnliche Marktphase hinter uns, die von einer Handvoll Tech-Werte (insbesondere den sogenannten „Magnificent Seven“) dominiert wurde. Unternehmen wie Amazon, Alphabet, Nvidia oder Meta ließen in diesem Zeitraum fast alles andere hinter sich. Das Problem für den Aristokraten-Index: Diese Titel zahlten über weite Strecken keine oder nur sehr geringe Dividenden und erfüllen zudem nicht das strikte Kriterium einer 25-jährigen Steigerungshistorie.
In einem Marktumfeld, das fast ausschließlich durch Growth-Werte und billiges Geld getrieben wurde, konnten die Aristokraten schlichtweg nicht mithalten. Da der IT-Sektor in Dividenden-Indizes strukturell massiv untergewichtet ist, konnten die meisten mit der Tech-Rallye der letzten Dekade nicht Schritt halten.
Moderne Dividenden-ETFs: Qualitätsfilter gehören inzwischen oft zum Standard
Ein Paradebeispiel für Dividenden-ETFs stellt derzeit der VanEck Morningstar Developed Markets Dividend Leaders UCITS ETF dar. Der zugrunde liegende Index wählt die 100 Aktien mit den attraktivsten Dividendenrenditen aus, filtert diese jedoch zuvor streng nach Nachhaltigkeit und Kontinuität der Ausschüttungen. Die Bilanz kann sich sehen lassen: Seit seiner Auflage im Jahr 2016 konnte dieser ETF mit dem MSCI World mithalten (Performance in Euro) – auf Sicht der letzten fünf Jahre hat er den Weltindex sogar sehr deutlich geschlagen (siehe Chart 👆).
Doch auch hier gilt: Schau genau hin, bevor du die Performance einfach in die Zukunft fortschreibst. Ein Haupttreiber für diesen Erfolg war nämlich die enorme Rallye europäischer Banken in den vergangenen Jahren. Wie wir bereits in unserer Newsletter-Ausgabe vom 12. April analysiert haben, ließen europäische Bankaktien zuletzt alle anderen Sektoren im Stoxx Europe 600 weit hinter sich. Da Finanzinstitute traditionell zu den größten Dividendenzahlern gehören, sind sie in diesem ETF besonders stark gewichtet. Der ETF profitiert hier also aktuell von einer massiven Sektor-Stärke, die sich nicht ewig in diesem Tempo fortsetzen wird.
Fazit: Die Mischung macht's
Die Analyse der Daten verdeutlicht, dass die Bewertung von Dividenden-Strategien stark vom gewählten Betrachtungszeitraum und den zugrunde liegenden Qualitätsfiltern abhängt.
👉 Der Faktor Zeit: Langfristig punktet der Dividenden-Adel durch Outperformance, geringere Drawdowns und geringere Schwankungen (Volatilität). Kurz- bis mittelfristig können jedoch Marktphasen, die durch spezifische Sektoren wie Technologie (Growth) dominiert werden, zu einer deutlichen Underperformance führen.
👉 Abweichung vom Gesamtmarkt: Wer auf Dividenden-Indizes setzt, entscheidet sich bewusst für eine andere Gewichtung als im breiten Markt. Das bedeutet aktuell oft weniger Technologie, dafür aber mehr Fokus auf Substanzwerte und zyklische Sektoren wie Finanzen.
👉 Kein Selbstläufer: Wie das Beispiel der europäischen Banken im VanEck-ETF zeigt, ist die aktuelle Outperformance eng mit der Stärke einzelner Branchen verknüpft. Dass sich die Überlegenheit des Index dauerhaft fortsetzt, kann man daraus nicht schließen.
Letztlich bleibt die Integration von Dividenden-ETFs eine Entscheidung über deine gewünschte Depot-Struktur, dein Risikoprofil und deine Anlagestrategie. Ob als stabilisierendes Element in volatilen Phasen, zur Diversifizierung oder als Cashflow-Quelle – die historischen Daten zeigen, dass die Kombination aus Dividende und Qualität ein eigenständiges Profil schafft, das sich deutlich vom klassischen Weltportfolio abheben kann.
Einen detaillierten Überblick über die derzeit beliebtesten Ansätze und die verschiedenen Konzepte findest du in unserem überarbeiteten Dividenden-Guide.