Wie viel „Emerging" steckt noch im Emerging Markets-Index?
Früher war die Welt der Aktienmärkte in zwei übersichtliche Lager geteilt. Da waren die „entwickelten Märkte“ – gesättigt, stabil, ein wenig träge. Und da waren die Schwellenländer: jene dynamischen Teile der Weltkarte, in denen der Wohlstand noch in den Kinderschuhen steckte. Man dachte an rasant wachsende Volkswirtschaften, angetrieben durch die starke Binnennachfrage einer aufstrebenden Mittelschicht oder den Rohstoffreichtum.
Doch wer heute einen genaueren Blick auf den MSCI Emerging Markets Index wirft, findet kaum noch das, was wir uns unter dem Begriff „Schwellenländer” vorstellen. Das Label ist geblieben, aber die Zusammensetzung hat sich verändert. Der Index ist seiner eigenen Definition entwachsen.
1. Die Theorie: Warum wir überhaupt Schwellenländer kaufen
Wenn du dein Depot nach wissenschaftlichen Standards aufbaust, suchst du in den Schwellenländern nach einer systematischen Mehrrendite. Die Theorie besagt, dass diese Märkte die „entwickelten Märkte“ langfristig schlagen sollten. Dabei werden insbesondere die folgenden Argumente genannt:
👉 Das politische Risiko (Political Risk): Das ist der „Angst-Abschlag“. Da Rechtssicherheit und Stabilität in Schwellenländern oft wackeliger sind, verlangen Investoren eine höhere Rendite als Entschädigung. Du wirst also quasi dafür bezahlt, dass du die Ungewissheit aushältst. Wenn die Katastrophe ausbleibt, verwandelt sich dieser Abschlag über die Zeit in eine Mehrrendite.
👉 Der Basiseffekt: Es ist mathematisch deutlich leichter, eine Volkswirtschaft auf niedrigem Niveau um 7 % wachsen zu lassen als ein hochgradig gesättigtes System wie Europa oder die USA.
👉 Die Demografie: Eine junge, wachsende Bevölkerung und aufstrebende Mittelschicht kurbeln den Binnenkonsum und die Produktivität an.
Soweit die Theorie. In der Praxis war diese Risikoprämie über viele Jahre eher ein Luftschloss. Ein Blick auf die nackten Zahlen zeigt die enorme Performance-Schere:
👉 Langzeit-Check (seit 2009): Seit dem Tiefpunkt der Finanzkrise hat der MSCI World eine beispiellose Rallye von über 900 % hingelegt. Die „Schwellenländer” im MSCI Emerging Markets wirken dagegen wie ein Bremsklotz: Sie schafften im gleichen Zeitraum nur ca. 400 % – also weniger als die Hälfte.
👉 Das aktuelle Momentum: Doch das Blatt hat sich gewendet. Auf Sicht der letzten zwölf Monate haben die „Schwellenländer” mit einer Performance von ca. 40 % den MSCI World (ca. 20 %) regelrecht deklassiert.
👉 Der Trend: Selbst auf Drei-Jahres-Sicht liegt der Emerging Markets-Index mittlerweile vorne.
Die große Frage ist jedoch: Warum passiert das gerade jetzt? Und kaufst du dir mit dem Schwellenländer-Index wirklich noch „politische Risiken“ und eine „aufstrebende Mittelschicht“ ein, oder eigentlich etwas ganz anderes?
2. Der Status Quo: Ein getarnter KI-Index
Die aktuelle Performance hat fast nichts mehr mit Demografie oder Binnenwirtschaft zu tun. Sie ist vielmehr das direkte Ergebnis einer Entwicklung, die das klassische Bild von Schwellenländern – das der „verlängerten Werkbänke“ des Westens – komplett auf den Kopf gestellt hat. Wir investieren hier nicht mehr in aufstrebende Industriestaaten, sondern in hochtechnologisierte Nationen, die in vielen Bereichen zur Weltspitze gehören.
Der MSCI Emerging Markets ist heute eigentlich ein hochkonzentrierter Index mit einem noch stärkeren Fokus auf Tech-Werte als der klassische MSCI World.
👉 Die Index-Schwergewichte: Taiwan, China und Südkorea stellen mittlerweile gut zwei Drittel des gesamten Indexgewichts dar. In vielen Bereichen handelt es sich hierbei um Nationen, die längst zu den am weitesten entwickelten der Welt gehören und das klassische Bild eines „aufstrebenden“ Schwellenlandes faktisch gesprengt haben.
👉 KI als struktureller Kurstreiber: Wir haben in diesem Newsletter bereits am 15. Februar darauf hingewiesen, dass der Tech-Anteil im MSCI Emerging Markets mit über 30 % sogar höher ist als im MSCI World. Seitdem hat sich dieser Anteil allerdings um ca. sieben Prozentpunkte erhöht und macht gut 37 % des Index aus! Der MSCI Taiwan – insbesondere durch den Halbleiter-Giganten TSMC – stieg in den letzten zwölf Monaten um über 80 %. Südkorea schoss sogar um über 200 % nach oben, getrieben durch die massive KI-Nachfrage nach Speicherchips bei SK Hynix und Samsung. Samsung erreichte kürzlich eine Marktkapitalisierung von über eine Billion USD. Damit ist Südkorea erst das vierte Land, das ein Unternehmen dieser Größenordnung auf die Börsenwaage bringt.
Wie wenig der Index noch mit den klassischen Schwellenländer-Erzählungen gemein hat, zeigt auch der Blick auf die Geburtenraten. China (1,0), Taiwan (0,86) und Südkorea (0,76) zählen mittlerweile weltweit zu den Ländern mit den niedrigsten Werten (durchschnittliche Geburten pro Frau). Das sind keine jungen Wachstumsmärkte mehr, sondern perspektivisch die am schnellsten alternden Gesellschaften unseres Planeten. Auch wenn die aktuelle Bevölkerungsstruktur noch jünger ist als in den meisten westlichen Staaten, wird dieser klassische demografische Vorteil angesichts einer solchen Entwicklung schon bald nicht mehr existieren.
3. Die Alternative: „True Emerging Markets“?
Wenn der MSCI Emerging Markets heute faktisch ein „Asien-Tech-Index“ ist, wie kommst du dann an das ran, was wir uns eigentlich unter „Schwellenländern“ vorstellen? Ein interessanter Ansatz ist das Konzept der „True Emerging Markets“, wie es WisdomTree mit seinem speziellen Index-Konzept verfolgt.
Die Methodik orientiert sich an einer strengeren, datengestützten Definition von wirtschaftlicher Entwicklung:
👉 Der „True EM“-Filter: Statt nach der MSCI-Definition von Schwellenländern zu gehen, nutzt der ETF ein Rahmenwerk aus mehreren Kennzahlen (u.a. IWF-Einstufung, BIP pro Kopf, UN-Human Development Index und Kreditrating). So sollen Länder identifiziert werden, die tatsächlich noch das Profil eines Schwellenlandes aufweisen.
👉 Verschiebung der Ländergewichte: Die neuen Schwergewichte sind Indien (20,76 %) und Brasilien (19,43 %), gefolgt von Südafrika, Saudi-Arabien und Mexiko. Auch Länder wie Indonesien, Polen und Thailand erhalten ein deutlich höheres Gewicht. China, Taiwan und Südkorea fliegen komplett aus dem Index heraus.
👉 Ein völlig anderes Sektorprofil: Während der IT-Sektor hier auf eine Randnotiz von nur noch gut 3,3 % zusammengeschrumpft, dominieren stattdessen Finanzwerte (ca. 37,5 %), gefolgt von Grundstoffen (13,3 %) und zyklischen Konsumgütern (9,2 %).
Dieser Ansatz spiegelt wesentlich eher das wider, was wir uns unter der ursprünglichen Idee von Schwellenländern vorstellen: Eine Wette auf die lokale Entwicklung, den Konsum vor Ort und den wirtschaftlichen Aufstieg jener Nationen, die tatsächlich noch „an der Schwelle“ zur Industrienation stehen.
Fazit: Ein Gedankenexperiment für dein Depot
Dieser Artikel ist eher als Gedankenexperiment zu verstehen und keineswegs als Aufforderung, morgen deinen gesamten Schwellenländer-Anteil im Depot umzuschichten. Dabei können wir die zwei folgenden Punkte festhalten:
1️⃣ Der MSCI Emerging Markets ist kein „Fehler“: Er ist nach Marktkapitalisierung gewichtet und bildet schlicht die erfolgreichsten Unternehmen ab, die laut der MSCI-Systematik als Schwellenländer eingestuft sind. Die beeindruckende Performance der letzten Zeit ist dabei fast ausschließlich auf den globalen Halbleiter-Boom zurückzuführen. Dass Länder wie Südkorea dort immer noch geführt werden, liegt zudem oft nicht an ihrer tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklung, sondern an technischen Kriterien wie einem laut MSCI noch nicht ausreichend entwickelten Zugang zu den Aktien- oder Devisenmärkten für ausländische Investoren.
2️⃣ Keine Performance-Garantie: Ein „True EM“-Ansatz bringt zwar das klassische Schwellenländer-Gefühl zurück, garantiert aber keine Mehrrendite. In einer Welt, die massiv von Technologie dominiert wird, könnte das Weglassen von Halbleiter-Giganten wie TSMC oder Samsung sogar zu einer Renditebremse werden. Seit der Auflage lief der ETF von Wisdomtree deutlich schlechter als der MSCI Emerging Markets-Index 👆 (allerdings ist der Betrachtungszeitraum deutlich zu kurz für ein wirkliches Fazit).
Am Ende zeigt sich immer deutlicher, dass die Einteilung in „World“ und „Emerging“ vielleicht nicht mehr zeitgemäß ist. Der Mediziner und Statistiker Hans Rosling wies bereits in seinem 2018 erschienenen Bestseller „Factfulness“ eindrucksvoll darauf hin, dass die klassische Trennung in „Entwicklungsländer“ und „entwickelte Länder“ längst überholt ist. Rosling argumentierte, dass die Welt nicht mehr zweigeteilt in arm und reich ist, sondern dass weit über die Hälfte der Weltbevölkerung heute in Ländern mit mittlerem Einkommen lebt. Er machte dies unter anderem auch an sinkenden Geburtenraten fest – einem Trend, den wir, wie gesehen, in den Emerging Markets-Schwergewichten in extremer Form wiederfinden.
Was den MSCI-Index und die wirtschaftliche Realität von Taiwan, China und Südkorea betrifft, scheint die Entwicklung an der Börse der Definition von „Entwicklungsländern“ sogar noch schneller enteilt zu sein, als es in der physischen Welt ohnehin schon der Fall ist.