Der Heuhaufen-Effekt in 100 Jahren Börse
Eine legendäre Jahrhundertstudie hat ein Update erhalten. Die neuen Zahlen des US-Aktienmarktes zeigen: Die wissenschaftlichen Argumente für passives Investieren sind in der jüngeren Vergangenheit noch stärker geworden als vor ein paar Jahren.
Vermutlich dürfte den meisten ETF-Fans das Zitat des legendären Vanguard-Gründers Jack Bogle bekannt sein:
„Suche nicht nach der Nadel im Heuhaufen. Kaufe einfach den Heuhaufen.“
Dass dieses Bild nicht nur eine nette Metapher, sondern mathematische Realität ist, bewies der Finanzwissenschaftler Hendrik Bessembinder erstmals in seiner Studie im Jahr 2018 für den Zeitraum von 1926 bis 2016.
Im März 2026 hat Bessembinder ein Update seiner Studie mit dem Titel „One Hundred Years in the U.S. Stock Markets“ veröffentlicht und die Daten bis einschließlich Dezember 2025 verlängert und somit ein volles Jahrhundert US-Börsenhistorie ausgewertet. Die sprichwörtliche Rendite-Nadel ist im letzten Jahrzehnt noch einmal geschrumpft. Wer heute versucht, den Markt durch das gezielte Herauspicken von Einzelaktien zu schlagen, begibt sich auf eine Suche, die noch erheblich schwerer geworden ist, als sie es ohnehin schon war.
Mehr Wohlstand, aber mehr Verlierer-Aktien
Das vergangene Jahrhundert hat gezeigt, dass der US-Markt ein beispielloser Motor für Wohlstand und Wachstum war. Insgesamt hat er netto 90,96 Billionen US-Dollar an Vermögen für Investoren geschaffen. Doch während der Gesamtmarkt boomte, brach die Performance der typischen Einzelaktie ein. Wenn wir die Daten von damals (2018) und heute nebeneinander legen, sehen wir deutlich erschwerte Bedingungen für Stock-Picker:
👉 Die Median-Rendite: Im alten Datenbestand (bis 2016) lag die Median-Rendite einer Aktie über ihre gesamte Lebensspanne bei -2,29 %. Im neuen Update ist sie auf -6,87 % gesunken. Das bedeutet: mehr als die Hälfte aller jemals gelisteten Aktien hat über ihre gesamte Existenz hinweg Geld der Anleger vernichtet. Die unglaubliche durchschnittliche Rendite von über 30.000 % wird ausschließlich von einer winzigen Gruppe von extremen Ausreißern nach oben verzerrt.
👉 Die Lebensdauer wird kürzer: Unternehmen verschwinden immer schneller von der Bildfläche. Lag die mittlere Lebensdauer (Median) einer börsennotierten Aktie bis 2016 noch bei 7,5 Jahren, ist sie in der neuen Studie auf 6,8 Jahre geschrumpft.
👉 Das Risiko des Totalverlustes: Das mit Abstand häufigste Einzelergebnis einer Aktie ist ein Totalverlust von -100 %. Exakt 11,83 % aller untersuchten Aktien erlitten in der Studie von 2018 den vollständigen Ruin.
Die Verlierer-Quote steigt
Das Eingehen höherer Risiken am Aktienmarkt erfolgt aus der Erwartung einer entsprechenden Risikoprämie, um eine Überrendite gegenüber risikofreien Anlagen zu erzielen. Doch die Wahrscheinlichkeit, dieses Ziel mit einer Einzelaktie zu verfehlen, ist im letzten Jahrzehnt weiter gestiegen:
👉 Unterperformance gegenüber Staatsanleihen: Bis 2016 schnitten 57,88 % aller Einzelaktien über ihre Lebensspanne schlechter ab als kurzfristige US-Staatsanleihen (Treasury Bills). Im neuen Update bis 2025 ist dieser Anteil der „Wohlstandsvernichter“ auf 59,13 % (17.197 von 29.081 Firmen) gestiegen.
Die Marktkonzentration nimmt zu
Wer hat dann die 91 Billionen US-Dollar an Vermögenswerten geschaffen, wenn so viele Unternehmen für Investoren Werte vernichtet haben? Es war eine verschwindend, fast schon beängstigend kleine Elite. Die folgenden Zahlen zeigen eindrucksvoll, wie sich die Konzentration des Kapitals in den letzten neun Jahren durch den Siegeszug der Tech-Giganten dramatisch zugespitzt hat:
Wie viele Unternehmen erklären den gesamten Börsen-Wohlstand (siehe Grafik👆)?
👉 10 % des Gesamtvermögens:
1926 bis 2016: Erwirtschaftet von fünf (0,02 %) Unternehmen.
Jahrhundert-Update 2026 (bis 2025): Erwirtschaftet von nur zwei Unternehmen (Apple und Nvidia) (0,007 %).
👉 50 % des Gesamtvermögens:
1926 bis 2016: Erwirtschaftet von 89 (0,351 %) Unternehmen.
Jahrhundert-Update 2026 (bis 2025): Erwirtschaftet von nur 46 (0,158 %) Unternehmen.
👉 100 % des Gesamtvermögens:
1926 bis 2016: Erwirtschaftet von 1.088 (4,286 %) Unternehmen.
Jahrhundert-Update 2026 (bis 2025): Erwirtschaftet von 1.082 (3,72 %) Unternehmen.
👉 Gesamtzahl untersuchter Unternehmen:
1926 bis 2016: 25.383 Unternehmen.
Jahrhundert-Update 2026 (bis 2025): 29.081 Unternehmen.
Das bedeutet im Klartext für den aktuellen 100-Jahres-Zeitraum: Lediglich 3,72 % aller Unternehmen waren für die gesamten 100 % der Nettowertschöpfung an der Börse verantwortlich. Die restlichen 96,28 % der Firmen (immerhin 27.999 Unternehmen) waren in ihrer Gesamtheit ein reines Nullsummenspiel. Ihre Gewinne und Verluste hoben sich gegenseitig auf und sie machten als Kollektiv lediglich die Rendite von Staatsanleihen.
Besonders extrem war die Dynamik im Zeitraum von 2017 bis 2025. Allein in diesen letzten neun Jahren trieb die Tech-Rallye den Markt auf ein neues Level der Ungleichheit. Nvidia war in diesem kurzen Fenster allein für 9,32 % der gesamten neuen Wertschöpfung des Marktes verantwortlich – das entspricht einem absoluten Dollar-Zuwachs von 4,51 Billionen US-Dollar.
Ein Blick auf die historischen Super-Nadeln
Um zu veranschaulichen, wie stark der Zinseszinseffekt über lange Zeiträume wirkt, lohnt sich auch ein Blick auf die absoluten Spitzenreiter der Studie:
👉 Die historische Spitzenrendite: Die historisch erfolgreichste Aktie für langfristige Buy-and-Hold-Anleger (gemessen an der prozentualen Gesamtrendite über die vollen 100 Jahre) ist die Altria Group. Das Unternehmen erzielte eine annualisierte Rendite von 16,53 %. Das Resultat: Aus einem investierten US-Dollar wurden bis Ende 2025 unglaubliche 4.421.136 US-Dollar.
👉 Der größte Vermögensgestalter: Wenn man nicht die Prozentrendite, sondern die absolute Dollar-Summe betrachtet, die an die Aktionäre ausgeschüttet oder als Marktwert aufgebaut wurde, steht Apple mit einer geschaffenen Vermögenssumme von 5,02 Billionen US-Dollar auf Platz eins der Historie.
👉 Das stärkste Langzeit-Wachstum: Den höchsten jährlichen Zuwachs über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren erzielte Nvidia. Seit dem Börsengang im Jahr 1999 fuhren die Aktionäre eine annualisierte Rendite von 37,04 % ein, was aus einem US-Dollar bis heute 4.958,80 US-Dollar machte.
Fazit
Was können wir also aus diesem Update lernen? Hendrik Bessembinder liefert uns im Grunde das am besten dokumentierte wissenschaftliche Argument für die passive Geldanlage mit marktbreiten ETFs.
Wer heute dennoch versucht, die absoluten Gewinneraktien von morgen aktiv herauszufiltern, sollte sich zumindest über die geringen Erfolgsquoten im Klaren sein. Wenn der Erfolg des gesamten Marktes an nur 3,72 % der Unternehmen hängt, ist das Risiko groß, an den wenigen positiven Ausreißern vorbeizugreifen. Und wer diese Nadeln nicht im Depot hat, hat es statistisch gesehen schwer, mit dem breiten Markt mitzuhalten.
Für uns Privatanleger ist das eigentlich eine ziemlich befreiende Nachricht. Du kannst ganz entspannt einfach den gesamten Markt über breit gestreute, marktgewichtete ETFs kaufen. Das ist kein Mangel an Ehrgeiz, sondern angewandte Mathematik – denn so ist garantiert, dass du die wenigen Megagewinner auch wirklich dauerhaft und automatisch im Depot hältst.