Schwellenländer liefen seit 2009 besser als die entwickelten Märkte, wenn...
...man die beiden absoluten Hauptdarsteller von der globalen Bühne nimmt. Werfen wir einen Blick auf eine große Fehleinschätzung an den Märkten und die Frage, was wir daraus für unser eigenes Portfolio ableiten können.
„Warum sollte ich in Schwellenländer investieren? Sie performen sowieso schlechter als die entwickelten Märkte. Das zeigt zumindest die Statistik, oder?“
Wer in den letzten Jahren Finanzforen oder Social-Media-Kanäle verfolgt hat, stieß häufig auf dieses Credo. Es ist das perfekte Argument, um eine ehemals beliebte Anlageklasse komplett abzuschreiben. Und wer nur oberflächlich auf die Zahlen schaut, wird den Kritikern recht geben müssen. Doch an der Börse lohnt es sich fast immer, die Lupe anzusetzen und das Offensichtliche zu hinterfragen. Wer das tut, erlebt gerade einen echten Plot Twist.
Der Blick auf den Chart
Werfen wir einen Blick auf den oben abgebildeten Chart. Die Geschichte der letzten Jahre ist den meisten Anlegern vertraut.
Der klassische MSCI World (lila) zieht seit dem Jahr 2018 extrem davon und hat Anlegern seit März 2009 eine Rendite von ca. 730 Prozent (in USD) gebracht. Auf der anderen Seite dümpeln die Emerging Markets (orange) träge hinterher (363 Prozent seit März 2009). Wer hier über die letzte Dekade hinweg diszipliniert investiert hat, fühlt sich wie der Verlierer des Jahrzehnts. Während in den USA eine historische Rallye der Tech-Unternehmen gefeiert wurde, wirkten Schwellenländer im Depot lange Zeit wie eine Renditebremse.
Wenn zwei Index-Schwergewichte die Bühne verlassen
Was passiert eigentlich, wenn wir die beiden absoluten Hauptdarsteller einfach mal aus der Gleichung streichen?
Genau diesen Blickwinkel eröffnet der zweite Chart. Hier wurden die USA auf der Seite der Industrieländer und China auf der Seite der Schwellenländer komplett herausgenommen. Das Ergebnis ist eine echte Überraschung:
👉 Ohne die USA und China liefen die restliche entwickelte Welt (MSCI World ex USA (pink)) und die restlichen Schwellenländer (MSCI Emerging Markets ex China (türkis)) seit dem Tief der Finanzkrise im März 2009 fast parallel.
Es gab also über die letzten fast zwei Jahrzehnte hinweg keine fundamentale, strukturelle Schwäche der Schwellenländer an sich! Die gesamte Wahrnehmung wurde schlichtweg durch zwei extreme Ausreißer verzerrt: einen historischen Lauf der US-Tech-Riesen und eine zeitgleiche Schwächephase Chinas.
Und es kommt noch besser, wenn man auf die Jahre 2025 und 2026 schaut. Die Emerging Markets ex China explodieren förmlich nach oben und hängen den MSCI World ex USA derzeit gnadenlos ab.
Spannender Fakt am Rande: Chinas Schwäche war so groß, dass das Land seinen unangefochtenen ersten Platz im Schwellenländer-Index verloren hat und in den letzten zwei Monaten auf Platz 3 abgerutscht ist – überholt von Taiwan und Südkorea.
Fazit für dein Depot
Aus den Mustern der Vergangenheit könnte man nun den vermeintlich logischen Schluss ziehen, dass man im Depot künftig lediglich China weglassen muss, um die höhere Rendite einzufahren. Doch Vorsicht: Historische Daten sind niemals ein Beleg für die zukünftige Kursentwicklung.
Das Fazit für deine persönliche Vermögensanlage könnte aber auch anders aussehen. Man könnte sich stattdessen auch die folgende Frage stellen: Was passiert eigentlich mit meinem Depot, wenn die USA mal über 10 bis 20 Jahre seitwärts laufen?
Im heutigen MSCI World machen die USA inzwischen über 70 Prozent des gesamten Index aus. Auch wenn das Narrativ des amerikanischen „Exceptionalism“ derzeit unbesiegbar wirkt: Auch hier gilt, dass historische Kurse kein Indikator für die Zukunft sind.
Wie massiv ein einziges Indexschwergewicht die Performance eines gesamten Index lähmen kann, hat uns China gezeigt, dessen maximales Gewicht im MSCI Emerging Markets bei knapp über 40 Prozent lag. Man kann sich also lebhaft ausmalen, welche Bremswirkung die USA mit ihren über 70 Prozent Marktanteil entfalten würden, wenn dort eine langanhaltende Stagnation eintritt. Die China-Falle der Schwellenländer-Investoren von gestern könnte sich ganz schnell als die USA-Falle der modernen MSCI World-Anleger von morgen wiederholen.
Wer sein Depot für die Zukunft krisenfest machen will, sollte daher beherzigen, was die Investment-Legende Charlie Munger immer predigte: „Invert, always invert“. Übersetzt auf die heutige ETF-Welt könnte das heißen: Frag dich nicht nur, wie viel Rendite die USA dir noch bringen können, sondern auch, was mit deinem Vermögen passiert, wenn sie es einmal für längere Zeit nicht mehr tun.