Vanguard-Studie: So investieren Privatanleger
Hast du dich schon mal gefragt, wie andere Privatanleger ihr Geld anlegen? Vanguard hat genau das untersucht. Für den „Vanguard Portfolio-Check 2026“ haben die Finanzexperten Prof. Dr. Oscar Stolper und Dr. Dominik Scheld rund 18 Millionen Datenpunkte aus knapp 166.600 echten Depots im Zeitraum von Mitte 2023 bis Mitte 2025 ausgewertet. Die Daten stammen von verschiedenen Portfolio-Tracker-Apps. Dadurch können größere Trends und allgemeine Aussagen über viele Depots hinweg analysiert werden, statt nur isolierte Einzeldepots zu betrachten.
Aber Achtung bei den Rahmenbedingungen: Wer eine solche Tracking-App nutzt, bringt meist schon eine überdurchschnittlich hohe Finanzbildung mit. Die Ergebnisse spiegeln also nicht unbedingt den gesamten deutschen Privatanleger-Markt wider, sondern vielmehr das Verhalten einer aktiven und gut informierten Gruppe.
Kurz gesagt: Die Daten liefern uns wichtige und lehrreiche Erkenntnisse, könnten aber durch verschiedene Faktoren nicht repräsentativ für den gesamten Privatanleger-Markt in Deutschland sein.
Mehr ETFs und der Abschied von klassischen Fonds
Der vielleicht spannendste Trend der Untersuchung betrifft die Verteilung der Produkte im Depot (siehe Grafik 👆). Je länger der Zeitverlauf und je größer das Portfolio, desto dominanter werden ETFs, während Einzelaktien und klassische, aktive Fonds an Gewicht verlieren.
👉 Klassische Fonds schrumpfen: Die Bedeutung von offenen und geschlossenen Fonds sinkt über den Beobachtungszeitraum kontinuierlich. Bei kleinen Portfolios (bis 5.000 €) sank ihr Anteil beispielsweise von 28,8 % im Jahr 2023 auf 22,7 % im Jahr 2025.
👉 ETF-Wachstum auf breiter Front: Von Mitte 2023 bis Mitte 2025 legten ETFs in allen Portfoliogrößen an Gewicht zu – je nach Gruppe um mehr als fünf Prozentpunkte. Bei den größten Portfolios (100.000 € bis 250.000 €) machten ETFs im Sommer 2025 mit 50,3 % den größten Posten aus.
👉 Das scheinbare ETF-Paradoxon beim Einstieg: Schaut man sich an, wer ausschließlich auf ETFs setzt, stößt man auf eine gegenteilige Dynamik. Die Gruppe mit dem geringsten Vermögen (bis 5.000 €) hat den höchsten Anteil an reinen ETF-Portfolios. Rund ein Drittel von ihnen (32,0 %) verzichtet komplett auf das Beimischen anderer Anlageformen. Mit steigender Depotgröße nimmt dieser Wert ab und pendelt sich bei knapp 20 % ein. Vermögendere Personen nutzen also ETFs als stabiles Core-Fundament, fangen mit wachsendem Budget aber an, ihr Depot mit Einzelaktien oder Satelliten-Investments aktiver zu managen.
Balance: viel Welt-ETFs, wenig Themen-ETFs
Wenn es um die konkrete Auswahl der ETFs geht, beweisen die Tracker-Nutzer ein gutes Händchen für Diversifikation.
👉 Fast zwei Drittel (63,6 %) des gesamten ETF-Vermögens stecken in breit gestreuten Welt-ETFs.
👉 Hype- und Themen-ETFs machen dagegen gerade einmal eine Randerscheinung von 4,1 % aus. Das dürfte sich positiv auszahlen: Historische Daten zeigen, dass Themen-ETFs dem breiten Markt nach einer anfänglichen Euphorie oft hinterherhinken und viele davon wieder geschlossen werden.
Ein echtes Ungleichgewicht gibt es allerdings beim Risikoappetit: Die Portfolios bestehen im Durchschnitt zu über 90 % bis 95 % aus reinen Aktienanlagen (Einzelaktien, offene Aktienfonds und Aktien-ETFs). Anleihen oder Geldmarkt-ETFs spielen eine verschwindend geringe Rolle, gewinnen aber mit zunehmender Portfoliogröße etwas an Bedeutung.
Disziplin statt Panik-Verkäufe
Ein weit verbreitetes Vorurteil lautet, dass Selbstentscheider bei unruhigen Märkten zu panischem und überstürztem Handeln neigen. Die Studie widerlegt diese These ein Stück weit.
👉 Nicht-Verkäufer: Mehr als ein Drittel (35 %) der Anleger hat im gesamten Zweijahres-Zeitraum kein einziges Mal verkauft. Pro Quartal betrachtet gab es sogar bei mehr als der Hälfte der Anleger überhaupt keine Verkaufsaktivität.
👉 Der Stresstest: Am 2. April 2025 sorgte die Ankündigung weitreichender US-Importzölle für weltweite Kursverluste (der FTSE All-World Index verlor rund 19 %). Die Reaktion? Das Handelsvolumen zog zwar massiv an, doch die Anleger nutzten die Turbulenzen vor allem bei ETFs für Zukäufe, statt ihre Investments aufzulösen.
Ein Herz für Pechvögel und die Rolle des Rebalancing
Die Experten von Vanguard untermauern die Bedeutung von Disziplin mit einem extremen Rechenbeispiel: dem Pechvogel-Anleger. Dieser fiktive Investor hat seit 1997 insgesamt 45.000 € in den Weltaktienmarkt eingezahlt. Allerdings immer exakt am historischen Höchstpunkt direkt vor den sieben schwersten Krisen (Dotcom-Crash, globale Finanzkrise, Covid-Einbruch etc.).
Das verblüffende Ergebnis per Ende Februar 2026: Weil er stur investiert blieb und nie verkaufte, wurden aus den 45.000 € am Ende rund 199.000 € (+340 % Wachstum). Auf einem normalen Sparkonto wären daraus im selben Zeitraum gerade einmal knapp 60.000 € geworden.
Verbesserungspotenzial gibt es hingegen beim Rebalancing. Während Anleger mit großen Portfolios ihre Gewichtung zwischen Aktien und Zinsprodukten relativ konstant halten, lassen kleinere Depots ihre Allokation oft unkontrolliert abdriften und erhöhen damit ungewollt ihr Risiko.
Kosten: Der unsichtbare Renditekiller
Warum die untersuchte Gruppe so konsequent aus klassischen Fonds in Richtung ETFs umschichtet, wird beim Blick auf die Gebühren (TER) klar. Während Aktien-ETFs im Schnitt jährliche Kosten von rund 0,3 % verursachen, werden bei offenen klassischen Fonds satte 1,6 % pro Jahr fällig. Diese Differenz von 1,3 Prozentpunkten hat langfristig eine große Hebelwirkung:
👉 Wer einmalig 10.000 € über 30 Jahre bei einer angenommenen Rendite von 6 % vor Kosten anlegt, erhält beim klassischen Fonds am Ende einen um über 16.300 € geringeren Portfoliowert als beim kostengünstigen ETF.
👉 Bei einem monatlichen Sparplan von 100 € frisst die Kostendifferenz über 30 Jahre sogar rund 19.000 € deiner Rendite.
Fazit für dein Depot
Der Vanguard Portfolio-Check liefert wertvolle, datenbasierte Einblicke in das Verhalten moderner Selbstentscheider. Abseits von grauer Theorie zeigt die Praxis vier zentrale Erfolgsfaktoren auf, die man als klares Learning für das eigene Depot mitnehmen kann:
👉 Kosten minimieren: Die konsequente Trennung von teuren aktiven Fonds zugunsten günstiger ETFs entfaltet auf Dauer die wahre Kraft des Zinseszinseffekts.
👉 Breit diversifizieren: Ein solides Fundament aus global streuenden Welt-ETFs reduziert das Risiko im Vergleich zu konzentrierten Themen-Wetten deutlich.
👉 Disziplin bewahren: Wer Marktkorrekturen stoisch aussitzt und nicht in Panik verkauft, profitiert langfristig am stärksten.
👉 Regelmäßiges Rebalancing: Ein gelegentlicher Check, ob die ursprüngliche Risikogewichtung noch stimmt, verhindert ein unkontrolliertes Abdriften der Strategie.
Aber wem sage ich das? Wenn du diesen Text bis hierher gelesen hast, verfügst du vermutlich ohnehin bereits über ein mindestens solides Basiswissen und verinnerlichst das meiste davon längst in deiner eigenen Anlagepraxis. Dennoch tut es an der Börse sicher gut, den eigenen Weg durch handfeste Daten gelegentlich bestätigt zu wissen.