Lohnt es sich, IPOs zu zeichnen?
Die mediale Aufmerksamkeit rund um den Börsengang (IPO) von SpaceX war groß. In den Finanzmedien und sozialen Netzwerken war es seit Wochen das alles dominierende Thema. Elon Musks Raumfahrtunternehmen versprach den Griff nach den Sternen. Und das nicht nur im metaphorischen Sinne. Zudem machten viele Neobroker und Banken das Angebot, die SpaceX-Aktie bereits im Vorfeld zu „zeichnen“, also noch vor dem offiziellen ersten Handelstag Kaufanträge einzureichen.
Die Nachfrage war erwartungsgemäß hoch. Je nach Broker bekamen Privatanleger in der Regel nur 10 % bis 30 % ihrer gewünschten Aktien ins Depot gebucht.
Am ersten Handelstag schien die Party dann perfekt. Mit einer fulminanten Tagesperformance von rund 19 % schoss die Aktie nach oben. Für alle, die ein Stück vom Kuchen abbekommen haben, hat sich das Zeichnen der SpaceX-Aktie absolut gelohnt.
Doch an der Börse ist ein einzelnes, glänzendes Beispiel kein verlässliches Gesetz. Wir wollen deshalb den Blick vom Einzelfall SpaceX lösen und der Frage auf den Grund gehen: Lohnt sich das Zeichnen von IPOs statistisch gesehen für dein Depot wirklich oder läufst du hier blindlings in eine klassische Anlegerfalle?
Wie funktioniert der Gang aufs Parkett?
Bevor wir in die Zahlen eintauchen, müssen wir kurz verstehen, warum Unternehmen überhaupt an die Börse gehen und was sich hinter den Kulissen eines IPOs (Initial Public Offering) abspielt.
Ein Unternehmen wählt den Gang an die Börse meist aus drei Gründen:
👉 Kapitalbeschaffung: Durch die Ausgabe neuer Aktien fließt frisches Geld in die Kasse, um zukünftiges Wachstum, Forschung oder Expansionen zu finanzieren.
👉 Exit-Option: Frühe Investoren, Gründer oder Venture-Capital-Geber wollen ihre Anteile nach Jahren der Arbeit ganz oder teilweise versilbern.
👉 Sichtbarkeit: Ein Börsengang steigert den Bekanntheitsgrad und die Markenrelevanz bei Kunden und Partnern.
Gesamtwert vs. Streubesitz
Wenn ein Unternehmen an die Börse geht, wird selten die ganze Firma auf einmal verkauft. Hier muss man strikt zwischen dem Gesamtwert des Unternehmens und dem sogenannten Streubesitz (Free Float) unterscheiden.
Der Gesamtwert beziffert den rechnerischen Wert aller existierenden Aktien zusammen. Der Streubesitz hingegen ist der Anteil der Aktien, der tatsächlich frei an der Börse für die breite Masse der Anleger handelbar ist. Oft halten Gründer oder Großinvestoren auch nach dem IPO noch große Anteile der Unternehmen.
Der Zeichnungsprozess und die Zuteilung
Bevor die Aktie regulär an der Börse gehandelt wird, läuft die sogenannte Zeichnungsphase. Das Unternehmen legt gemeinsam mit den begleitenden Banken eine Preisspanne fest.
Nach dem Ende dieser Phase wird der finale Ausgabepreis bestimmt. Nun entscheidet das Verhältnis von Angebot und Nachfrage über dein Glück:
👉 Aktie ist überzeichnet: Es wollen mehr Anleger die Aktie kaufen, als Aktien im Streubesitz ausgegeben werden. Die Folge: Die Aktie ist „überzeichnet“ und die Banken müssen die Zuteilung kürzen.
👉 Aktie ist unterzeichnet: Es gibt weniger Kaufgebote als angebotene Aktien. Die Folge: Jede Zeichnung wird zu 100 % bedient. Wer Aktien für 1.000 € wollte, bekommt auch die vollen 1.000 € ins Depot eingebucht.
Was sagen die historischen Daten?
Um herauszufinden, ob IPO-Zeichnungen eine systematische Geldmaschine sind, hilft kein Bauchgefühl, sondern nur der Blick in die Statistiken der Finanzwissenschaft. Jay Ritter von der University of Florida sammelt und analysiert seit 1980 lückenlos alle US-Börsengänge.
In seiner fortlaufend aktualisierten Studie („Initial Public Offerings: Updated Long-run Statistics“) finden sich inzwischen die historischen Daten von über 9.000 IPOs.
Werfen wir für diesen Text einen Blick auf den entscheidenden Teil dieser Datensammlung (siehe Grafik 👆):
👉 Über den gesamten Zeitraum wurden 9.253 IPOs untersucht.
👉 Die durchschnittliche Rendite am ersten Handelstag liegt bei beeindruckenden 18,9 %.
👉 Auf Sicht von drei Jahren nach dem Börsengang zeigen die neu gelisteten Unternehmen eine Performance von 19,1 %.
👉 Im Vergleich zu einem marktbreiten Investment hinkt die Performance nach drei Jahren im Schnitt um 20,5 % hinterher. Wer stur auf IPOs setzt, bleibt statistisch gesehen also hinter einem marktbreiten ETF zurück.
Wenn man sich die Rendite am Tag des IPOs anschaut, müsste die logische Schlussfolgerung also lauten: „Ich zeichne ab jetzt einfach jeden IPO, nehme die durchschnittlich 18,9 % am ersten Tag mit und verkaufe die Aktie sofort beim Glockenschlag zum Handelsende wieder.“
In der Theorie klingt das genial. In der Praxis gibt es aber Gründe für das berühmte Sprichwort „There is no such thing as a free lunch”.
Warum die Statistik dich in die Irre führt
Die oben genannte Durchschnittsrendite von 18,9 % ist ein ungewichteter Mittelwert über tausende IPOs. Sie klammert die Realität der Zuteilung komplett aus. Das Problem ist: Du bekommst als Privatanleger niemals von allen Aktien den gleichen Anteil.
👉 Bei den heißbegehrten IPOs (wie SpaceX), die am ersten Tag nach oben schießen, bekommst du nur eine geringe Zuteilung.
👉 Bei den IPOs, die am ersten Tag wie ein Stein zu Boden sinken, will niemand mitmachen. Du bekommst die volle Zuteilung von 100 % in dein Depot gedrückt.
Eine Beispielrechnung
Machen wir das mathematische Dilemma anhand eines einfachen Beispiels transparent. Nehmen wir an, du möchtest bei zwei verschiedenen Börsengängen jeweils 1.000 € investieren:
👉 IPO A: Die Aktie schießt am ersten Tag um +20 % nach oben. Weil aber jeder diese Aktie wollte, ist sie massiv überzeichnet. Deine Zuteilungsquote liegt bei nur 10 %. Du konntest also real nur 100 € investieren. Dein Gewinn nach einem Handelstag: +20 €.
👉 IPO B: Niemand will die Aktie haben, am ersten Tag stürzt sie um -10 % ab. Weil die Nachfrage so schwach war, beträgt deine Zuteilungsquote 100 %. Du bekommst die vollen 1.000 € ins Depot gebucht. Dein echter Verlust: -100 €.
👉 Das Ergebnis in deinem Depot: Du hast insgesamt 1.100 € echtes Geld eingesetzt. Obwohl die mathematische Durchschnittsrendite der beiden Aktien bei positiven +5 % liegt, stehst du am Ende des Tages mit einem Verlust von 80 € da.
Weil du bei den Gewinnern systematisch unterversorgt und bei den Verlierern systematisch überversorgt wirst, dreht sich die schöne wissenschaftliche Durchschnittsrendite für dich als Privatanleger in der Realität vermutlich ins Negative.
Fazit für dein Depot
Kann man IPOs also mal zeichnen? Ja, man kann. Wenn du beispielsweise vom Geschäftsmodell eines Unternehmens absolut überzeugt bist oder du das Ganze als kleine, spekulative Beimischung für dein Depot betrachtest, spricht nichts dagegen. Aber du solltest dir der hohen Risiken bewusst sein.
Mittel- bis langfristig, beispielsweise auf Sicht von drei Jahren, sind die Erfolgsaussichten statistisch gesehen allerdings gering. Wenn die mediale Aufmerksamkeit erst einmal verstummt ist, die ersten Quartalszahlen die Realität abbilden und die Haltefristen der Insider auslaufen, laufen viele Aktienkurse dem breiten Markt hinterher.
Und für deinen langfristigen Vermögensaufbau gilt ohnehin eine wunderbar beruhigende Nachricht, die jeden FOMO-Stress (Fear of Missing Out) überflüssig macht: Die Gewinner landen früher oder später sowieso über ETFs in deinem Depot.