Anleihen: Ausgedient oder unverzichtbar?
Wenn das Wort „Anleihen“ fällt, denken viele Anleger heute sofort an den historischen Anleihen-Crash von 2022. Die schnelle Zinswende hat Portfolios weltweit auf dem falschen Fuß erwischt. Doch muss man Anleihen deshalb komplett abschreiben? Werfen wir einen Blick auf die Zahlen und prüfen, ob Anleihen im Portfolio zur Diversifikation noch sinnvoll sind.
Mehr Risiko, weniger Rendite?
Schauen wir auf die sogenannten Lifecycle-Produkte sowie den FTSE All-World ETF von Vanguard. Das Prinzip der Lifecycle-Produkte ist in einem Satz erklärt: Es handelt sich um Multi-Asset-ETFs, die automatisch eine feste Aktien- und Anleihenquote (z. B. 60/40 oder 80/20) halten und durch regelmäßiges Rebalancing selbstständig steuern.
Wie die Grafik der ETFs von Vanguard zeigt, hast du mit einer hohen Anleihenquote viel Rendite liegen gelassen. Während die 80%-Aktien-Variante seit der Auflage am 10.12.2020 über 73 % zulegen konnte, dümpelte der ETF mit der 80 %-Anleihenquote (also 20 % Aktien) bei mageren 3,7 % herum. Die höchste Rendite hat der 100 %-Aktien-ETF auf den FTSE All World Index mit 103 % gebracht. Mit jeder Erhöhung der Anleihenquote sank die Gesamtrendite des Portfolios ab (siehe Grafik 1 👆).
Hinzu kommt, dass selbst in Krisenzeiten die vermeintlich sicheren Häfen (Anleihen) zuletzt keinen verlässlichen Schutz geboten haben. Betrachtet man den maximalen Drawdown (den stärksten zwischenzeitlichen Wertverlust), lag dieser beim ETF mit der höchsten Anleihenquote bei 17,66 %. Der ETF mit 80 % Aktien verlor in der Spitze nur 15,36 %. Anleihen brachten also nicht nur weniger Rendite, sie stürzten 2022 sogar noch tiefer ab als Aktien.
Lediglich bei der Schwankungsbreite (Volatilität) konnte eine höhere Anleihenquote punkten, wie ein Risiko-Rendite-Profil deutlich macht (siehe Grafik 2 👆).
Doch insgesamt sehen wir seit dem Ende der Finanzkrise weitestgehend eine positive Korrelation zwischen Anleihen und Aktien – sie stiegen und sie fielen gemeinsam. Damit drängt sich die zentrale Frage auf: Sind Anleihen im Portfolio eigentlich noch sinnvoll?
Wie funktionieren Anleihen eigentlich?
Um diese Frage zur Sinnhaftigkeit von Anleihen im Portfolio zu beantworten, müssen wir kurz zurück zu den Grundlagen. Kaufst du eine Anleihe, leihst du einem Staat oder Unternehmen für eine bestimmte Laufzeit Geld. Im Gegenzug erhältst du einen festen Zins (Kupon) und am Ende der Laufzeit dein Geld zurück. Klingt simpel und sicher.
Der Haken für Anleger ist jedoch die Zinssensitivität. Wenn die allgemeinen Zinsen am Markt steigen, verlieren bereits ausgegebene, niedriger verzinste Anleihen an Wert. Schließlich will niemand deine alte 1 %-Anleihe zum vollen Preis kaufen, wenn es für neue Anleihen plötzlich 4 % Zinsen gibt. Dieser Hebel vergrößert sich, je länger die Laufzeit der Anleihe ist.
Der Anleihen-Crash 2022
Genau dieser Mechanismus hat 2022 zum großen Anleihen-Crash geführt. Die Notenbanken waren gezwungen, die plötzlich ausufernde Inflation zu bekämpfen und hoben die Zinsen nach einer historischen Niedrigzinsphase an. Das führte zu einem regelrechten Crash am Rentenmarkt.
Ein prominentes Beispiel ist die 100-jährige Anleihe des Staates Österreich. Als Anlage extrem sicher geglaubt, stürzte der Kurs dieses Papiers durch die starken Zinserhöhungen 2022 zeitweise um über 70 % ab. Eine Volatilität, die man sonst nur von spekulativen Tech-Aktien oder Kryptowährungen kennt!
Normalerweise sollen Anleihen in einem Portfolio genau dann steigen (oder zumindest wertstabil bleiben), wenn Aktien fallen. Doch 2022 fielen die Aktienmärkte wegen des Ukrainekrieges und gleichzeitig brachen die Anleihen aufgrund des Zinsschocks ein. Die Anlageklasse fiel als rettender Anker fast komplett aus.
Wichtig dabei: Dieser Einbruch traf aber vor allem Langläufer sowie breite Bond-ETFs, die hohe Restlaufzeiten enthalten. Wer als Sicherheitsbaustein gezielt auf kurzlaufende Anleihen setzt, minimiert das Zinsrisiko und erhält die gewünschte Stabilität im Portfolio.
Wir vergessen, wie es früher einmal war
Doch es wäre ein fataler Fehler, von der Sondersituation 2022 pauschal auf die Zukunft zu schließen. Anleihen haben keineswegs immer so stark positiv mit Aktien korreliert. Es hängt massiv vom jeweiligen Marktumfeld ab und insbesondere davon, ob wir es mit Inflationsschocks und steigenden Zinsen oder Rezessionen zu tun haben.
Die Korrelation zwischen Aktien- und Anleihenrenditen liegt langfristig nahe null. Das bedeutet, dass sie sich über Jahrzehnte hinweg betrachtet unabhängig voneinander bewegen. Mal steigen oder fallen sie zusammen, mal laufen sie extrem gegensätzlich.
In Phasen reiner Wachstumsschocks – also wenn die Wirtschaft einbricht, die Inflation aber niedrig ist – tendieren Zentralbanken dazu, die Zinsen zu senken. In solchen Momenten profitieren Anleihen von steigenden Kursen. Denken wir an historische Krisen wie das Platzen der Dotcom-Blase (2000-2003) oder die große Finanzkrise (2008). In beiden Phasen stürzten Aktienmärkte extrem ab. Anleihen jedoch verzeichneten in dieser Zeit positive Renditen und konnten die massiven Aktienverluste in Portfolios hervorragend abfedern.
Wer zu dieser Zeit einen erwähnenswerten Anteil an Anleihen im Depot hatte, konnte stark vom Rebalancing profitieren. Durch den Verkauf der im Portfolioanteil gestiegenen Anleihen konnten die massiv im Preis gefallenen Aktien günstig nachgekauft werden, was in der anschließenden Erholungsphase die Gesamtrendite des Portfolios steigerte.
Fazit für dein Depot
Wir müssen uns bei der Bewertung von Anleihen immer wieder vor Augen führen, dass die aktuelle Marktphase seit dem Ende der Finanzkrise außergewöhnlich gut für Aktien lief. Aktien – insbesondere US-Titel und dort vor allem Tech-Werte – haben eine beispiellose Rallye hinter sich und sind entsprechend hoch bewertet. Auch der gesamte globale Aktienmarkt ist im historischen Vergleich derzeit tendenziell höher bewertet.
Da Anleihen und Aktien langfristig keine statische Korrelation aufweisen, wird sich das Blatt auch wieder wenden. Es werden wieder Marktphasen kommen, in denen festverzinsliche Wertpapiere in deinem Portfolio einen wesentlich größeren Nutzen stiften. Aktuell bieten Anleihen durch das gestiegene Zinsniveau zudem wieder ordentliche laufende Erträge.
Fassen wir zusammen, warum Anleihen ein Comeback feiern könnten:
👉 Volatilität senken: Wie die Daten zeigen, lässt sich die allgemeine Schwankungsbreite deines Depots durch Anleihen weiterhin deutlich reduzieren.
👉 Echte Zinserträge: Die Nullzinsphase ist vorbei. Du kriegst wieder einen nennenswerten, festen Kupon, der dir auch in Seitwärts- oder Bärenmärkten Rendite bringt.
👉 Antizyklische Chance: Hohe Aktienbewertungen bedeuten höheres Rückschlagspotenzial. Anleihen können dir das nötige „Pulver” geben, um in künftigen Krisen durch Rebalancing günstig bei Aktien nachzugreifen.
Wer sich über die exakte Gewichtung und das ständige Umschichten (Rebalancing) in seinem Portfolio keine Gedanken machen möchte, kann die Sache auch automatisieren. Hierfür bieten sich die bereits erwähnten Vanguard LifeStrategy Produkte an, die Aktien und Anleihen stur im gewünschten Verhältnis halten.
Einen ähnlichen, aber dynamischeren Ansatz verfolgt Amundi mit seinen Amundi Lifecycle-Produkten. Diese ETFs passen die Gewichtung im Laufe der Zeit automatisch an. Die ETFs haben ein bestimmtes Zieldatum, sodass die riskantere Aktienquote zugunsten weniger riskanter, kurzlaufender Anleihen automatisch schrittweise reduziert wird, je näher du dem Zieldatum kommst.
Anleihen sind keineswegs ein Pflichtbaustein für jedes Depot. Wer Kursschwankungen gelassen aussitzen kann und einen sehr langen Anlagehorizont hat, kommt oft auch ohne sie aus. Dennoch haben sie einen echten Mehrwert, wenn es darum geht, Volatilität abzufedern und Ruhe ins Portfolio zu bringen. Ob du Anleihen integrierst oder nicht, ist letztlich eine ganz persönliche Entscheidung – sie hängt vor allem von deinen eigenen Zielen und deiner individuellen Risikotragfähigkeit ab.