Wie der gewählte Zeitraum deine Wahrnehmung verzerrt
Ist der Tech-Sektor wirklich ein unschlagbarer Selbstläufer? Ein Blick auf historische Daten zeigt, dass man für jeden Index genau den Zeitraum findet, der die gewünschte These untermauert. Eine Spurensuche zwischen extremen Renditen, jahrzehntelangen Durststrecken und der Psychologie des Investierens.
Die großen Tech-Giganten haben in den letzten Jahren eine derartige Dominanz aufgebaut, dass man schnell das Gefühl bekommt, der Rest der Wirtschaft existiere nur noch als Randnotiz. Wer Technologieaktien kauft, so das häufige Narrativ, gewinnt immer. Doch wer sich die Mühe macht, dieses Narrativ einem echten historischen Stresstest zu unterziehen, stößt auf eine Wahrheit, die viele moderne Investoren kaum glauben mögen.
Die steile These lautet: Der IT-Sektor lief seit der Jahrtausendwende nicht wesentlich besser als der breite Markt.
Klingt absurd angesichts der aktuellen KI-Rallye und explodierender Kurse? Das liegt schlichtweg daran, dass unser Blick auf die Börse massiv davon geprägt ist, welche Zeiträume uns präsentiert werden. An der Börse macht der gewählte Zeitraum fast immer die Story. Gehen wir diesem Phänomen anhand von zwei völlig gegensätzlichen Perspektiven auf dieselben zwei Indizes auf den Grund.
Zeitraum 1: 24 Jahre dem Markt hinterhergelaufen
Werfen wir einen Blick auf die Zahlen im ersten Chart oben (👆) und stellen uns vor, wir wählen den absoluten Höhepunkt der Dotcom-Blase als Startpunkt für unser Investment. Im Frühjahr 2000 kannte die Euphorie keine Grenzen, das Internet sollte die Welt verändern (was es auch tat) und klassische Unternehmensbewertungen schienen völlig aus der Zeit gefallen.
Wählt man genau diesen Höhepunkt vor dem Crash (hier den 31. März 2000) als Startpunkt, gleicht der Chart für den MSCI Information Technology lange Zeit einer Horrorstory. Zwar liegt der IT-Sektor heute in dieser Betrachtung mit knapp 90 Prozentpunkten vor dem breiten MSCI World, doch der Weg dorthin war eine unvorstellbare Geduldsprobe. Es hat tatsächlich bis Februar 2024 gedauert, bis der IT-Sektor im Vergleich zum breiten Markt überhaupt wieder den Break-even erreicht hat.
Das sind fast 24 quälende Jahre!
Der Grund dafür ist so simpel: Nach dem Platzen der Dotcom-Blase erlitt der Tech-Sektor einen extremen Drawdown (Wertverlust vom Höchststand) von über 80 %. Bei einem Verlust von 80 % muss sich ein Investment anschließend verfünffachen, nur um wieder am Anfangsinvestment zu stehen. Als Investor bist du in diesem Szenario mehr als ein halbes durchschnittliches Anlegerleben dem breiten Markt hinterhergelaufen – und das bei einer deutlich höheren Volatilität.
Zeitraum 2: Die Rakete aus dem Tal der Tränen
Betrachten wir den zweiten Chart oben (👆). Er zeigt exakt dieselben beiden Indizes. Der einzige Unterschied: Der Startpunkt ist nun das absolute Tief nach dem Dotcom-Crash im September 2002.
Die beiden Charts könnten unterschiedlicher kaum sein. Wählt man diesen extrem günstigen Einstiegszeitpunkt für den Tech-Sektor, blickt man auf eine geradezu explosionsartige Performance von gut 3.200 %. Der breite MSCI World wirkt mit seinen (immer noch fantastischen) rund 900 % Zuwachs im selben Zeitraum dagegen fast schon wie ein langweiliges Sparbuch.
Aber warum schauen wir uns diese zwei Charts überhaupt an?
Oft bekommen wir dort, wo uns Finanzprodukte oder -inhalte schmackhaft gemacht werden sollen, genau die Charts gezeigt, die steil nach oben gehen. Das weckt Emotionen und triggert die Angst, etwas zu verpassen (FOMO).
Wir erleben seit Jahren einen starken, fast rein technologiegetriebenen Bullenmarkt. Wer in dieser Euphorie glaubt, etablierte Bewertungsmaßstäbe über Bord werfen zu können, sollte sich daran erinnern, dass „Dieses Mal ist alles anders“ die wohl gefährlichsten Worte der Finanzwelt sind. Studien belegen das Konzept der Reversion to the Mean (die Rückkehr zum Mittelwert). Extreme Bewertungen haben sich historisch betrachtet früher oder später immer wieder normalisiert.
Was könnte das nun konkret für dein Depot bedeuten?
👉 Blicke auf jeden Chart mit der notwendigen Skepsis: Hinterfrage immer den Start- und Endpunkt. Wurde hier bewusst ein Tiefpunkt gewählt, um eine astronomische Rendite zu konstruieren? Wie oben in der Grafik verdeutlicht wird, gibt es für nahezu jeden Index den passenden Zeitraum für die gewünschte Aussage.
👉 Sei dir der Asymmetrie von Verlusten bewusst: Ein Minus von 80 % ist nicht mit einem Plus von 80 % ausgebügelt. Es braucht satte 400 % Rendite, nur um den alten Stand zu erreichen. Sektor-Wetten bringen immer das Risiko jahrelanger, zermürbender Underperformance mit sich.
👉 „Invert, always invert“: Drehe den Spieß um. Frage dich immer nach dem Worst-Case-Szenario. Das erdet und schützt vor unüberlegten Käufen, aus Angst, etwas zu verpassen.
👉 Du bist bereits dabei: Wenn das Tech-Wunder weitergeht, bist du mit einem Standard-ETF (wie dem MSCI World oder ACWI) ohnehin exzellent positioniert. Sollte die Reversion to the Mean aber zuschlagen, bewahrt dich die breite Streuung davor, 24 Jahre deines Lebens dem breiten Markt hinterherzulaufen.