Ist das der neue Dividenden-Star?
Die Jagd nach Ausschüttungen hat sich gewandelt. Viele erfolgreiche Dividenden-ETFs schauen längst nicht mehr nur auf die reine Dividendenrendite, sondern setzen auf zusätzliche Qualitätsfilter. Nun betritt ein neues Produkt die Bühne. Hat dieser ETF das Zeug zum neuen Kerninvestment für Einkommensinvestoren?
Es handelt sich um den Amundi S&P All World High Dividend Yield UCITS ETF (IE000LEIJUY9). Auf den ersten Blick bringt er eine beeindruckende Mischung aus strengen Qualitätskriterien, weltweiter Streuung und attraktiven Kosten mit. Mit einer Gesamtkostenquote (TER) von 0,35 % positioniert er sich preislich solide im Mittelfeld. Er ist damit etwas günstiger als beispielsweise der beliebte VanEck Morningstar Developed Markets Dividend Leaders (NL0011683594), aber teurer als z.B. der klassische Vanguard FTSE All-World High Dividend Yield (IE00B8GKDB10). Auch die Performance der ersten zwei Monate kann sich im Vergleich zum MSCI World sowie den ETFs von VanEck und Vanguard durchaus sehen lassen, wenngleich dieser kurze Zeitraum für ein erstes echtes Fazit natürlich noch nicht ausreicht (siehe Chart👆).
Doch was macht diesen neuen ETF so besonders? Gehen wir der Sache auf den Grund.
Der S&P Global Dividend 100 Index
Das Herzstück eines jeden passiven ETFs ist sein Index. In diesem Fall ist es der S&P Global Dividend 100. Der Index deckt sowohl Industrie- als auch Schwellenländer ab. Du holst dir also theoretisch die ganze Welt ins Depot. Als Ausgangsuniversum dient der S&P Global LargeMidCap (ex REITs), der die Wertentwicklung von großen und mittleren Unternehmen weltweit abbildet.
Mit einer Beschränkung auf exakt 100 Titel ist der Index im Vergleich zu klassischen Welt-Portfolios stark fokussiert. Aus finanzwissenschaftlicher Sicht ist eine solche Konzentration zunächst ein klarer Nachteil, da die geringere Diversifikation das Risiko erhöht. In der Praxis kann sich dieser enge Fokus durch die strengen Filter jedoch auch als Vorteil erweisen. Die breite Masse wird konsequent aussortiert, wodurch ein qualitativ hochwertiges Portfolio entstehen könnte. Wer die populärsten Dividenden-ETFs auf dem Markt vergleicht, merkt schnell, dass ein fokussierter Ansatz mit ca. 100 Aktien derzeit eher die Regel als die Ausnahme ist.
So funktioniert die Auswahl: Bevor ein Unternehmen überhaupt in die engere Auswahl kommt, muss es erst allgemeine Hürden nehmen. Es muss in jedem der vergangenen zehn Jahre eine Dividende gezahlt haben. Zusätzlich müssen die Aktien gewisse Mindestanforderungen an die Unternehmensgröße (Marktkapitalisierung) und die Handelsliquidität erfüllen.
Anschließend werden die verbleibenden Unternehmen anhand von vier gleich gewichteten Qualitätsmerkmalen geprüft:
👉 Verhältnis von Free Cashflow zu Gesamtverschuldung: Hier wird geschaut, ob das Unternehmen finanziell auf gesunden Beinen steht. Unternehmen, die keine oder kaum Schulden haben, bekommen die Bestnote.
👉 Eigenkapitalrendite (Return on Equity): Wie effizient arbeitet das Management mit dem Geld der Aktionäre?
👉 Geschätzte Dividendenrendite (indicated annual dividend, IAD): Natürlich spielt auch die Höhe der Ausschüttung weiterhin eine Rolle.
👉 Fünfjährige Dividendenwachstumsrate: Stagniert die Dividende oder wurde sie historisch angehoben?
Aus diesen vier Kriterien wird ein sogenannter Composite Score gebildet. Nur die 100 Unternehmen mit der absoluten Spitzenbewertung schaffen es letztlich in den Index. Um die Fluktuation und damit auch Transaktionskosten geringer zu halten und regionale Klumpenrisiken zu vermeiden, werden bei dieser finalen Auswahl jedoch bestehende Indexmitglieder leicht bevorzugt und der Anteil von Schwellenländern gedeckelt.
Die Gewichtung schützt vor Klumpenrisiken
Wer es in den Index geschafft hat, wird auf Basis der Streubesitz-Marktkapitalisierung (Free-Float) multipliziert mit der Dividendenrendite gewichtet. Doch auch hier haben die Index-Konstrukteure zusätzliche Regeln definiert, um das Portfolio ausgewogen zu halten:
👉 Ein einzelnes Unternehmen darf maximal 4 % des ETFs ausmachen.
👉 Ein einzelner Sektor (z.B. Finanzen, IT, Gesundheit) ist auf maximal 25 % gedeckelt.
👉 Für Länder gelten Obergrenzen (Anteil am Ausgangsuniversum plus 10 Prozentpunkte).
Klumpenrisiko oder Klumpenchance? Das Konzept verhindert somit, dass einzelne Titel, Länder oder Sektoren eine sehr dominante Rolle im Index einnehmen. Betrachtet man beispielsweise den beliebten VanEck Morningstar Developed Markets Dividend Leaders, zeigt sich ein starker Fokus auf Finanzen. Die Höchstgrenze pro Sektor beträgt hier 40 % und wurde in den vergangenen Jahren fast durchgängig ausgereizt. Der VanEck hat in den letzten Jahren enorm von der Rallye europäischer Banken profitiert. Die Finanztitel waren hier somit rückblickend eine Klumpenchance und kein Klumpenrisiko. Doch was in der Vergangenheit gut lief, muss nicht so bleiben (Stichwort Recency Bias).
Die Performance: Ziemlich beeindruckend, aber...
Ein Blick auf die Zahlen des Indexanbieters S&P lässt dem einen oder anderen Dividendenjäger vermutlich das Wasser im Mund zusammenlaufen: Der Net Total Return (also inklusive reinvestierter Dividenden) liegt über 10 Jahre in Euro gerechnet bei satten 13 % pro Jahr. Damit liegt dieser defensivere, auf Ausschüttungen fokussierte Index in diesem Zeitraum in etwa gleichauf mit dem klassischen MSCI World Index! Für einen Dividendenansatz ist das eine herausragende Leistung. Ein ähnlich starkes Ergebnis liefert übrigens auch der VanEck, der über die letzten 10 Jahre ebenfalls auf gut 13 % annualisiert kommt.
Aber hier ist absolute Vorsicht geboten: Der zugrundeliegende Index wurde erst im Dezember 2025 aufgelegt. Das bedeutet: Alles, was vor Ende 2025 passierte, ist reines Backtesting. S&P hat die Indexregeln somit rückwirkend auf historische Daten angewendet. Solche Rückrechnungen können auf dem Papier fantastisch aussehen, doch ob der ETF diese Renditen auch in der Realität der kommenden Jahre einfahren wird, bleibt genauso abzuwarten wie beim VanEck.
Die potenziellen Nachteile: Wo ist der Haken?
Kein Finanzprodukt ist perfekt. Einer der größten Kritikpunkte ist sicherlich, dass der Index erst im Dezember 2025 aufgelegt wurde und die 13 % annualisierte Rendite aus den vergangenen zehn Jahren auf einem reinen Backtesting beruht. Aus der Vergangenheit lässt sich bekanntlich niemals direkt die Zukunft ableiten. Wir können aus solchen Daten höchstens Muster erkennen, die sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch in der Zukunft fortsetzen. Wie hoch diese Wahrscheinlichkeit ist, lässt sich vermutlich nicht seriös beantworten.
Weitere Punkte, die man kritisch sehen könnte, sind:
👉 Fehlende Teilfreistellung? Laut der offiziellen Webseite von Amundi weist der ETF eine Mindestaktienquote von nur 50 % aus, was ungewöhnlich für einen reinen Aktien-ETF ist. Für dich als deutscher Anleger ist das ein ärgerliches Detail. Um die steuerliche Teilfreistellung von 30 % auf Erträge zu erhalten, muss ein Aktien-ETF mindestens 51 % Aktien halten. Liegt die Quote offiziell darunter, entfällt dieser Steuervorteil.
👉 Konzentration vs. Diversifikation: Wie bereits erläutert, können 100 Werte zwar auch für eine hohe Qualität im Portfolio sorgen, sie bedeuten aber eben auch eine deutlich geringere Streuung als bei ETFs mit 1.000 oder mehr Titeln. Wenn hier nur eine Handvoll Unternehmen in die Krise rutscht, spürst du das in der Performance sofort deutlicher.
Ist der ETF der neue heilige Gral für Dividendenjäger?
Die Kombination aus strengen Qualitätskriterien und weltweiter Streuung inklusive Schwellenländern macht ihn zu einem gut durchdachten Konzept.
Gerade die scharfen Obergrenzen für Sektoren verhindern Klumpen in einzelnen Sektoren, wie wir sie bei anderen Dividenden-ETFs oft sehen. Allerdings zeigt die Vergangenheit, dass der „richtige Klumpen” auch eine enorme Chance sein kann. Wer sein Depot jedoch abseits des klassischen, oft stark von US-Tech-Werten dominierten MSCI World oder ACWI breiter aufstellen möchte, findet hier sicher eine interessante, defensive Beimischung.
Allerdings solltest du die fantastischen Renditezahlen aus der Vergangenheit mit einer gesunden Portion Skepsis betrachten, denn ein Backtesting ist keine Garantie für die Zukunft.