Die beste Dividenden-Strategie: Solltest du lieber auf Value setzen?
Wer liebt sie nicht? Die regelmäßige Gutschrift auf dem Verrechnungskonto. Für viele Privatanleger ist die Dividendenstrategie die Grundlage des Vermögensaufbaus fürs Alter und die Basis für die finanzielle Freiheit. Zudem sorgen Dividenden auch in turbulenten Börsenphasen für ein besseres Gefühl.
Auf der Suche nach den höchsten Ausschüttungen greifen viele Anleger zu ETFs mit Namen wie „High Income“ oder auch Covered-Call-Strategien. Die Idee scheint logisch: Je höher die prozentuale Ausschüttung, desto schneller wächst das passive Einkommen. Doch genau an dieser Stelle beginnt das Privatanleger-Dilemma.
Wer sich blind auf die höchste Dividendenrendite stürzt, tappt erstaunlich oft in die sogenannte Dividendenfalle. Unternehmen mit extrem hohen Dividendenrenditen weisen diese oft nicht aus betrieblicher Stärke auf, sondern weil ihr Aktienkurs stark eingebrochen ist. Dahinter stecken nicht selten schrumpfende Geschäftsmodelle oder stagnierende Gewinne. Werden Dividenden aus der Substanz statt aus echten Gewinnen gezahlt, leidet der Aktienkurs langfristig – und die Ausschüttung wird früher oder später gekürzt oder gestrichen.
Auch bei Produkten, die auf eine maximale Dividendenrendite setzen, wie beispielsweise Covered-Call-ETFs, sollte man besser zweimal hinschauen: Die verlockend hohen Ausschüttungen gehen oft auf Kosten des Kapitalerhalts oder begrenzen das Kurspotenzial nach oben, wodurch die Gesamtrendite langfristig häufig nicht mit marktbreiten ETFs mithalten kann.
Inzwischen gibt es jedoch auch viele Dividenden-ETFs, die zusätzliche Qualitätsfilter einbauen (wie etwa ein stabiles Dividendenwachstum oder Kontinuität bei den Ausschüttungen). Das schmälert zwar auf den ersten Blick die reine Dividendenrendite, wirkt sich aber häufig positiv auf den Gesamtertrag (Kurszuwächse plus Dividenden) aus.
Dennoch wollen wir heute die Frage stellen, ob es eine noch durchdachtere Alternative gibt, die das Beste aus Kurszuwächsen und Dividenden miteinander vereint. Die Antwort führt dabei zum Value-Investing.
Die Mechanik: Warum Value und Dividende oft Hand in Hand gehen
Um zu verstehen, warum Value-ETFs für Dividendenfans attraktiv sein können, lohnt sich ein Blick auf die mathematische Logik hinter den Kennzahlen.
Die mathematische Beziehung hinter der Dividendenrendite basiert auf der jährlichen Ausschüttung und dem aktuellen Börsenkurs:
👉 Dividendenrendite = Dividende pro Aktie / Aktienkurs
Setzt man bei der Berechnung eine konstante Ausschüttung im Zähler voraus, verhält sich die Dividendenrendite umgekehrt proportional zum Aktienkurs im Nenner. Fällt der Kurs bei gleichbleibender Dividende, verkleinert sich der Nenner der Formel. Dadurch steigt die Dividendenrendite zwangsläufig an. Ein niedrigerer Kaufpreis führt bei unveränderten Zahlungsströmen somit mathematisch zu einer höheren prozentualen Rendite auf das eingesetzte Kapital.
Verknüpfung mit Value-Kriterien
Value-Aktien sind definiert durch ein niedriges Bewertungsniveau im Verhältnis zu ihren Fundamentaldaten. Gängige Kennzahlen sind:
👉 Niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV = Aktienkurs / Gewinn pro Aktie)
👉 Niedriges Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV = Aktienkurs / Buchwert pro Aktie)
Wenn ein Unternehmen profitabel ist und einen stabilen Teil seiner Gewinne ausschüttet, bewirkt ein niedriger Kurs gleichzeitig zwei Dinge: Das KGV ist niedrig (Value-Eigenschaft) und die Dividendenrendite relativ hoch.
Dass Value-Aktien oft starke Dividendenzahler sind, liegt jedoch nicht nur an der reinen Mathematik des Aktienkurses, sondern auch an der Unternehmensphase. Value-Unternehmen stammen oft aus gereiften, gesättigten Branchen. Sie finden weniger lohnende Investitionsmöglichkeiten für explosives Wachstum als junge Tech-Firmen (Growth-Aktien). Anstatt das Geld in unsichere Projekte zu stecken, schütten diese reifen Unternehmen gewöhnlich einen wesentlich höheren Anteil ihres Gewinns direkt an die Aktionäre aus.
Lässt sich diese Theorie zu Value-ETFs in der Praxis nachweisen?
Dass diese Logik in der Praxis funktioniert, zeigt eine Auswertung aller derzeit verfügbaren ausschüttenden Value-ETFs in der justETF-Suche. Ein Blick in die Factsheets der zugrundeliegenden Indizes verrät deutliche Unterschiede:
👉 Durchschnittliche Dividendenrendite der Value-Indizes: 2,48 %
👉 Durchschnittliche Dividendenrendite der marktbreiten Vergleichsindizes: 1,85 %
Durch das reine Value-Screening liegt die Dividendenrendite im Schnitt um 0,63 Prozentpunkte bzw. um durchschnittlich 45 % höher als beim jeweiligen Ausgangsindex – ganz ohne dass der Index explizit nach Dividendenzahlern suchen musste.
Der direkte Vergleich: Value vs. High Dividend
Vergleicht man Value-Indizes (wie den MSCI World Enhanced Value) mit beliebten Dividenden-Indizes, fällt auf, dass Value-Ansätze oft ähnlich hohe Dividendenrenditen aufweisen, dabei aber breiter diversifiziert sind und weniger zu Sektorklumpen neigen (wie etwa einer Übergewichtung von Finanzwerten).
Doch wie sieht die Performance und Dividendenrendite in der historischen Praxis aus? Werfen wir einen Blick auf die vier populärsten passiven globalen Value- und Dividenden-ETFs im direkten Rendite- und Dividenden-Vergleich (Renditen in Euro, Zeitraum 20.05.2016 bis 22.09.2026):
👉 iShares Edge MSCI World Value Factor UCITS ETF
Gesamtrendite: +247,50 %
Ø Dividendenrendite (letzte 4 Jahre): 3,26 %
👉 VanEck Morningstar Developed Markets Dividend Leaders UCITS ETF
Gesamtrendite: +239,43 %
Ø Dividendenrendite (letzte 4 Jahre): 4,82 %
👉 Invesco RAFI All-World Fundamental Value UCITS ETF
Gesamtrendite: +228,22 %
Ø Dividendenrendite (letzte 4 Jahre): 2,53 %
👉 Vanguard FTSE All-World High Dividend Yield UCITS ETF Distributing
Gesamtrendite: +171,14 %
Ø Dividendenrendite (letzte 4 Jahre): 3,43 %
Das Performance-Fazit:
Bei der Gesamtrendite hat die Value-Fraktion in Summe etwas die Nase vorn. Der sehr populäre Vanguard FTSE All-World High Dividend Yield fällt mit +171,14 % beim Gesamtertrag deutlich ab, obwohl seine Ausschüttungsrendite (3,43 %) kaum höher liegt als beim mit +247,50 % am besten performenden iShares MSCI World Value Factor ETF (3,26 %). Der VanEck Dividend Leaders hält mit starken +239,43 % und hoher Dividende (4,82 %) mit, was vor allem daran liegt, dass europäische Finanzwerte in den vergangenen Jahren sehr gut gelaufen sind und der ETF einen großen Finanzklumpen von ca. 40 % hat. Der Invesco RAFI All-World Fundamental Value reiht sich mit seiner Performance von +228,22 % nur leicht hinter den beiden Spitzenreitern ein, bringt aber im direkten Vergleich die niedrigste Dividendenrendite (2,53 %) der vier ETFs mit.
Was sagt die Finanzwissenschaft zu dem Thema?
Das Phänomen und die starken Überschneidungen von Value- und Dividendenstrategien sind allerdings kein Zufall.
👉 Der wahre Motor ist der Value-Faktor: Finanzwissenschaftliche Analysen belegen, dass die historische Überrendite von Dividenden-Strategien zu einem Großteil gar nicht an den Ausschüttungen selbst liegt, sondern am zugrundeliegenden Value-Faktor. Strategien, die auf die Höhe der Dividendenrendite setzen, nutzen diesen Value-Faktor jedoch meist nur unvollständig und laden sich dadurch unnötige Einzelwert- und Branchenrisiken ins Depot.
👉 Vermeidung der Dividendenfalle durch fundamentale Filter: Ansätze, die starr nach der höchsten Dividendenrendite filtern, ziehen überdurchschnittlich oft schwächelnde Unternehmen an. Strategien mit einem systematischen Value- oder Qualitätsfilter (die auf Gewinne, Cashflows und Substanz schauen) schneiden beim langfristigen Gesamtgewinn deutlich stabiler ab.
👉 Bessere risikoadjustierte Performance: Reine Value-Indizes erzielen bei der Risikoadjustierung oft bessere Ergebnisse als reine Hoch-Dividenden-Indizes, weil sie nicht auf die tatsächliche Ausschüttungsquote fixiert sind. Sie berücksichtigen das gesamte fundamentale Bild eines Unternehmens – unabhängig davon, ob der Gewinn als Dividende ausgezahlt oder gewinnbringend im Unternehmen reinvestiert wird.
Dividenden-Ansätze, die eine hervorragende Gesamtrendite erzielen, profitieren im Kern fast immer von der Value-Prämie. Value-ETFs wiederum bieten in der Regel eine höhere Dividendenrendite.
Ein Value-ETF kann für Dividenden-Fans daher das bessere Gesamtpaket bieten. Er liefert solide Ausschüttungen, kombiniert diese aber mit einem strukturierteren Screening über Fundamentaldaten und verringert so das Risiko schleichender Substanzverluste.
Für alle, die nicht heute zwingend die maximalen Ausschüttungen benötigen, könnte die Value-Strategie somit einen Blick wert sein. Auch wenn die anfängliche Dividendenrendite etwas niedriger ist als bei Dividenden-ETFs, ist die Gesamtrendite langfristig meist besser – und deine persönliche Dividendenrendite auf das eingesetzte Kapital kann die reiner Dividenden-ETFs über die Jahre somit deutlich überholen.