Warum Small Caps ohne „Schrott” wieder glänzen könnten
Die Grundidee der sogenannten Size-Prämie ist einfach: Die Aktien kleiner Unternehmen (Small Caps) gelten als risikoreicher und schwerer zu handeln als Papiere von Unternehmen wie Apple oder Microsoft. Für dieses höhere Risiko verlangen Investoren eine Prämie, weshalb Aktien kleiner Firmen langfristig auch eine überlegene Rendite gegenüber Großkonzernen erzielen sollten.
Ein Blick auf die Zahlen der letzten Dekade zeigt jedoch das genaue Gegenteil. Der klassische MSCI World hängte den MSCI World Small Cap regelrecht ab (ca. 13 % gegenüber 10,3 % Rendite pro Jahr). Der Chart oben stellt die relative Performance des MSCI World Small Cap im Vergleich zum MSCI World dar und zeigt auf einen Blick, wann Small Caps den breiten Markt schlagen (steigende Linie) oder ihm hinterherhinken (fallende Linie). Wenn man die Daten über den gesamten Zeitraum von Dezember 2000 bis heute betrachtet, liegen die Small Caps noch deutlich vorn. Diese Outperformance der kleinen Unternehmen ist vor allem ab der Jahrtausendwende bis zur Finanzkrise 2007 entstanden. Ab dem Ende der Finanzkrise bis zum Corona-Crash 2020 liefen Small Caps und der breite Markt weitgehend parallel, bevor in den letzten Jahren eine deutliche Unterperformance der Small Caps zu sehen war.
Und was sagt die Wissenschaft?
„Size matters, if you control your junk.” Unter diesem provokanten Titel veröffentlichten der Hedgefonds-Manager Cliff Asness und Co-Autoren im Jahr 2018 eine wegweisende Studie. Schauen wir uns an, was die Ergebnisse der Untersuchung konkret bedeuten und wie du das Potenzial kleiner Unternehmen heute in deinem Depot umsetzen kannst.
Die Size-Prämie steht in der wissenschaftlichen Literatur immer wieder unter Beschuss. Kritiker bemängeln eine schwache historische Erfolgsbilanz und argumentieren, der Effekt habe sich nach seiner Entdeckung stark abgeschwächt, trete fast ausschließlich im Januar auf und sei vor allem bei extrem kleinen Microcap-Aktien zu finden (die im Übrigen nicht über ETFs handelbar sind). Auf internationalen Märkten ohne die USA zeigte sich der Size-Effekt zudem besonders schwach.
Doch die Verfasser der oben erwähnten Studie fanden heraus, dass all diese Herausforderungen und Unregelmäßigkeiten verschwinden, sobald man die Qualität (Quality) der Unternehmen – beziehungsweise deren Gegenteil, den „Schrott“ (Junk) – kontrolliert.
Sortiert man unrentable, riskante und schlecht geführte Unternehmen systematisch aus, zeigt sich:
👉 Stabilität: Ein signifikanter Size-Premium-Effekt kommt zum Vorschein, der über die Zeit äußerst stabil bleibt.
👉 Breite Wirkung: Der bereinigte Size-Effekt beschränkt sich nicht auf Microcaps und ist gleichmäßiger über den Jahresverlauf verteilt.
👉 Das Kernproblem: Die Size-Prämie leidet unter einem extremen Kompositionseffekt. Große Unternehmen tendieren dazu, eine hohe Qualität aufzuweisen, während kleine Firmen oftmals in die „Junk“-Kategorie fallen – sprich eine geringe Profitabilität, instabile Erträge und ein höheres Pleiterisiko zeigen.
👉 Globaler Nachweis: Wenn man die Auswahl von Firmen mit niedriger Marktkapitalisierung um den Faktor Qualität bereinigt, zeigt sich der Size-Effekt robust in 30 verschiedenen Industrien und 24 internationalen Aktienmärkten.
Kurzum: Mit üblichen, reinen Small-Cap-ETFs holst du dir automatisch die Aktien vieler unrentabler, riskanter und schlecht geführter Unternehmen (Junk) ins Depot. Der Size-Effekt kämpft quasi pausenlos gegen viele „Schrott"-Aktien an.
Den Junk entfernen: Welche Lösungen haben wir?
Den „Schrott” zu entfernen bedeutet in der Praxis, weitere Faktoren – wie „Value“ (günstige Bewertung) oder „Quality“ (hohe Profitabilität) – in die Strategie zu integrieren.
Sucht man in der justETF-Suche nun nach passiven, weltweiten Aktien-ETFs mit der Strategie „Small Cap“, stellt sich leider heraus: Einen echten „All-in-One“-ETF, der Small Caps global abdeckt und Faktoren wie Quality oder Value integriert, gibt es nicht. Zwar gibt es mit dem Vanguard FTSE Global Small-Cap ETF seit Kurzem einen echten globalen Small-Cap-Index (inklusive Schwellenländern), dieser kauft aber rein nach Marktkapitalisierung – also inklusive Junk. Auch wer auf große All-in-One-Lösungen (wie den MSCI ACWI IMI oder FTSE Global All Cap), hat dasselbe Problem. Welche Möglichkeiten haben wir nun als Privatanleger, die Erkenntnisse aus der Studie in unserem Depot umzusetzen?
Option 1: Passive regionale Indizes
Wenn globale Lösungen fehlen, lohnt sich der Blick auf die Regionen. Hier gibt es bereits passive Ansätze, die den reinen Marktkapitalisierungs-Ansatz aufbrechen.
👉 Value Weighted ETFs: Das Konzept hinter den MSCI Small Cap Value Weighted Indizes ist simpel: Unternehmen werden nicht nach ihrem Börsenwert, sondern anhand fundamentaler wirtschaftlicher Kennzahlen (wie Umsatz, Gewinn, Cashflow und Buchwert) gewichtet. Der Fondsanbieter SPDR bietet beispielsweise zwei solche ETFs an, die europäische (IE00BSPLC298) und US-amerikanische Small Caps (IE00BSPLC413) abbilden. Ein Blick auf die Performance zeigt, dass diese Value-Weighted-Indizes in den letzten zehn Jahren zwar hinter dem breiten Markt zurückblieben, aber vor den klassischen Small-Cap-Indizes lagen.
👉 Small Cap Dividend ETFs von WisdomTree: WisdomTree bietet eine Methodik, die dividendenstarke Small Caps für Europa (IE00BQZJC527) und Schwellenländer (IE00BQZJBM26) mit zusätzlichen Qualitätskriterien abbildet. Die Performance dieser Dividenden-Strategien liegt seit Auflage der ETFs exakt gleichauf mit den jeweiligen rein marktkapitalisierungsgewichteten Standard-Indizes MSCI Europe Small Cap und MSCI Emerging Markets Small Cap.
👉 Quality-Indizes: Schauen wir auf die USA, etwa mit dem ETF L&G Russell 2000 US Small Cap Quality ETF (IE00B3CNHJ55). Seit 2009 läuft dieser Ansatz etwas besser als der Standard-Nebenwerte-Index Russell 2000. Dennoch liegt er deutlich hinter dem marktbreiten S&P 500. Wer in den USA nach dem besten Small-Cap-Index sucht, landet hingegen beim S&P Small Cap 600 ETF (IE00B2QWCY14). Warum? Weil dieser Index von Haus aus einen Qualitätsfilter besitzt. Unternehmen müssen – ähnlich wie beim großen Bruder S&P 500 – profitabel sein, um überhaupt in den Index aufgenommen zu werden. Ein perfektes Praxisbeispiel für die Erkenntnisse der Studie.
Option 2: Globale aktive Ansätze wagen
Global und faktor-optimiert? Hier gibt es derzeit drei spannende, aber noch recht neue Ansätze. Wichtig ist dabei, vorab eines festzuhalten: Alle drei ETFs sind zwar formell aktive ETFs, aber die Grenze zwischen „aktiv“ und „passiv“ ist hier extrem fließend. Diese ETFs arbeiten keineswegs nach dem Bauchgefühl eines Fondsmanagers, sondern mit hochkomplexen quantitativen Modellen und strikt regelbasierten Algorithmen.
👉 Avantis Global Small Cap Value ETF (IE0003R87OG3): Avantis ist bekannt für wissenschaftlich fundierte Anlagekonzepte, die eng mit der akademischen Forschung verzahnt sind. Seit der Auflage vor knapp zwei Jahren zeigt dieser ETF eine klare Outperformance gegenüber dem Standard-MSCI World sowie dem MSCI World Small Cap. Hier wird systematisch nach kleinen, günstigen Firmen gesucht, die gleichzeitig eine hohe Profitabilität aufweisen.
👉 Dimensional Global Targeted Value ETF (IE000S67ID55): Dimensional Fund Advisors ist ein Pionier des Factor-Investings. Der Targeted Value ETF fischt exakt in dem Teich, den die Forschung empfiehlt: Small Caps, kombiniert mit Value- und Profitabilitäts-Filtern. Für einen Performancevergleich ist der verfügbare Zeitraum allerdings zu kurz, da der ETF erst im November 2025 aufgelegt wurde.
👉 Invesco Global Small Cap Enhanced Equity ETF (IE000WLI0KY7): Die „Enhanced“-Reihe von Invesco wählt hingegen einen Multifaktor-Ansatz: Hier sind die Faktoren Value, Quality und Momentum integriert. Diesen systematischen Ansatz gibt es mittlerweile für viele Regionen und seit einigen Tagen auch als Small-Cap-Ansatz. Ein Blick auf den Invesco Global Enhanced Equity ETF (IE000TZ4SIN6), der Large- und Mid-Caps aus Industrieländern abdeckt, zeigt seit seiner Auflage vor gut 1,5 Jahren eine Outperformance gegenüber dem MSCI World. Etwas aussagekräftiger wird es, wenn wir auf den nachhaltigen Multifaktor-ETF von Invesco blicken (IE00BJQRDN15), der schon etwas länger (seit Juli 2019, also gut 7 Jahre) am Markt ist. Hier zeigt sich eine Outperformance von knapp 30 Prozentpunkten seit Auflage gegenüber dem Referenzindex MSCI World. Bezogen auf diesen ETF und den gewählten Zeitraum lässt sich zweifelsfrei sagen: Der Multifaktor-Ansatz von Invesco hat bisher hervorragend funktioniert.
Fazit für dein Depot
Mit klassischen, rein nach Marktkapitalisierung gewichteten Small-Cap-ETFs zu versuchen, eine Überrendite gegenüber dem breiten Markt zu erzielen, hat sich zumindest in der jüngeren Vergangenheit nicht als zuverlässiges Erfolgsrezept erwiesen.
Die Beimischung weiterer Faktoren (wie Value oder Quality) sowie der Einsatz spezieller, quantitativ gesteuerter aktiver Ansätze führte hingegen teils zu einer besseren Wertentwicklung. Es kann daher lohnenswert sein, sich diese Produkte genauer anzuschauen, wenn du gezielt Small Caps in dein Portfolio beimischen möchtest. Interessant ist dabei allemal, dass der Übergang zwischen aktivem und passivem Investieren immer fließender wird, was die vorgestellten „aktiven“ Produkte eindrucksvoll verdeutlichen.
Ob oder wie du Small Caps in dein Portfolio integrierst, bleibt am Ende allein deine Wahl. Die Auswertung zeigt jedoch recht deutlich: Small Caps drängen sich derzeit nicht zwingend als Kerninvestment auf, sondern eignen sich vielmehr als spannender Satellit für dein Depot.