Trotz Krisen fast verdoppelt: 4 Jahre Bullenmarkt
Vom Krisenherbst 2022 zu fast 100 % Kursanstieg bis heute: ein Blick auf das Allzeithoch-Paradoxon, verdeckte Bärenmärkte und das Phänomen der ständigen Angst an der Börse.
Wir schreiben den 12. Oktober 2022. Die Inflation ist auf Rekordjagd, die US-Notenbank erhöht die Zinsen in 75-Basispunkte-Schritten, der Ukraine-Krieg lässt die Energiepreise steigen und nahezu jeder Experte warnt vor einer schweren Rezession.
Wer kauft in diesem Moment voller Angst mit einem guten Gefühl Aktien?
Fast niemand. Doch genau an diesem Tag begann der aktuelle Bullenmarkt des S&P 500. Die Bilanz nach vier Jahren aus Anlegersicht:
👉 +98 % Rendite (in Euro gerechnet).
👉 Rund 1.000 Handelstage Aufwärtstrend.
👉 Der längste Bullenmarkt seit dem, der 2009 startete.
Eine Rendite, für die man kein Insiderwissen brauchte. Man musste einfach nur eines tun: investiert bleiben.
Das Problem: An fast jedem einzelnen dieser rund 1.000 Tage gab es einen logisch klingenden Grund, auszusteigen – die drohende Rezession, die KI-Blase, Trumps „Liberation Day" im Frühjahr 2025 oder geopolitische Eskalationen. Jede Angst wirkte im jeweiligen Moment absolut berechtigt. Und jede einzelne erwies sich im Nachhinein als eine teure Gelegenheit, den Markt zu verlassen.
Die Crash-Propheten werden lauter
Heute schrillen die Alarmglocken der Crash-Propheten erneut. Und tatsächlich scheint die Makroökonomie alles andere als rosig:
👉 Der Krieg in der Ukraine geht in wenigen Monaten in sein fünftes Jahr.
👉 Der Iran und die Huthi-Milizen blockieren Handelsrouten, was die Energiepreise antreibt.
👉 Die erste Zinserhöhung der Fed seit über drei Jahren und erneut steigende Inflationsraten.
👉 Die Renditen für langlaufende US-Staatsanleihen markieren mit deutlich über 5 % zwischenzeitlich den höchsten Stand seit 2002.
👉 Der amerikanische Schuldenberg stieg im September auf unfassbare 40 Billionen US-Dollar – was etwa dem neunfachen BIP Deutschlands entspricht und Zinszahlungen von rund 3 Milliarden US-Dollar pro Tag bedeutet.
Hinzu kommt eine geringe Marktbreite, denn nur wenige Tech-Unternehmen halten den US-Leitindex oben. Schauen wir unter die Oberfläche, zeigt sich, dass sich rund 44 % aller S&P 500-Aktien im Bärenmarkt befinden.
Das bedeutet: Fast die Hälfte der größten US-Unternehmen ist aktuell mindestens 20 % von ihren Hochs entfernt. Es herrscht also längst keine „Kaufe-alles“-Rallye.
Angesichts dieser Gemengelage verwundern die ständigen Crash-Warnungen nicht. Doch die Aktienmärkte trotzen den Risiken und klettern weiter.
Das Allzeithoch-Paradoxon
Hier kommt das größte psychologische Hindernis ins Spiel: Höhenangst. Intuitiv fühlt es sich falsch an, am Allzeithoch zu investieren – man wartet lieber auf den Rücksetzer.
Doch die Historie straft dieses Bauchgefühl eindrucksvoll Lügen. Hättest du im Zeitraum seit 1988 auf einem Allzeithoch in den US-Aktienmarkt investiert, hättest du auf Sicht von einem, drei und fünf Jahren sogar mehr Rendite erzielt als jemand, der an einem anderen Tag eingestiegen wäre. Das zeigt eine Auswertung der Investmentbank J.P. Morgan zum Leitindex S&P 500.
Allzeithochs sind keine Decke, an der der Markt zwangsläufig abprallt. Sie sind oft ein Zeichen für ein starkes Momentum. Ein Hoch zieht oft weitere Hochs nach sich. Wer aus Angst an der Seitenlinie wartet, verpasst oft die stärksten Aufwärtsphasen des Bullenmarktes.
Die Illusion des perfekten Timings
Was aber, wenn die Crash-Propheten recht behalten? Selbst dann ist für deinen Anlageerfolg noch nichts gewonnen. Für das perfekte Timing musst du nämlich zweimal hintereinander hellseherische Fähigkeiten beweisen:
👉 Den perfekten Ausstieg finden, bevor es abwärts geht.
👉 Das Ausmaß und die Dauer des Crashs richtig abschätzen sowie den perfekten Wiedereinstieg finden.
Wer den Wiedereinstieg verpasst, schaut der Erholung nur frustriert hinterher. Wer sein Depot nach Prognosen ausrichtet, geht neben dem unvermeidbaren Marktrisiko ein völlig unnötiges Risiko ein: das Prognoserisiko. Wissenschaftliche Studien belegen seit Jahrzehnten, dass sich Prognoseerfolge nicht systematisch wiederholen lassen, sondern meist purer Zufall sind.
Die letzten 1.000 Handelstage zeigen: „Nichtstun“ ist an der Börse meist die schwerste, aber oft die profitabelste Disziplinen. Die Welt bleibt krisenbehaftet und unter der Oberfläche des S&P 500 haben bereits viele Einzelaktien große Kursverluste erlitten. Doch genau an dieser sprichwörtlichen Mauer der Angst („Wall of Worry“) klettern Bullenmärkte empor.
Lass dich von Allzeithochs und Krisen also nicht abschrecken. Der beste Weg für den Vermögensaufbau bleibt ein breit diversifiziertes Depot, das zu deiner Risikotoleranz passt und dem du auch in unruhigen Zeiten treu bleibst. Denn die Frage an der Börse ist nie, ob der nächste Crash kommt, sondern immer nur, wann. Wer aber in den vergangenen Jahren aus Angst vor genau diesem Crash ausgestiegen ist, hat den Aufschwung verpasst, egal wie gut die Gründe dafür im ersten Moment aussahen. Der Börsenerfolg der letzten vier Jahre bestand eben genau aus jenen tausend leisen Entscheidungen, einfach investiert zu bleiben.