Stress am Anleihemarkt: Chance oder Risiko?
Während die Zinsen stiegen, fuhren die Kurse langlaufender Anleihen in den Keller. Das zeigt eindrucksvoll unser Chart: Vom 21.04.2020 bis zum 19.10.2026 verloren US-Staatsanleihen mit mehr als 20 Jahren Restlaufzeit fast 45 % (in Euro). Was ist passiert? Die Ära der Nullzinsen ist seit dem Beginn des Ukrainekrieges Geschichte und die Dynamik hat sich durch den Iran-Konflikt der vergangenen Monate nochmals drastisch verschärft. Wir stecken mitten in einem historischen Anleihen-Crash, getrieben von steigenden Zinsen und hartnäckiger Inflation.
Für ETF-Anleger stellt sich in diesem Umfeld die Frage: Eignen sich Anleihen als Baustein fürs Depot? Da festverzinsliche Wertpapiere komplexen Mechanismen unterliegen, beantworten wir folgende Fragen:
👉 Was passiert gerade am Anleihemarkt?
👉 Wie funktionieren Anleihe-ETFs?
👉 Welche Funktion können sie in deinem Portfolio einnehmen?
Wie der Dauerstress und die Anleihen-Mechanik zusammenwirken
Dass die Anleihemärkte nicht zur Ruhe kommen, liegt an einem ganzen Bündel von Faktoren. Zu den wichtigsten gehören:
👉 Ausweitung der Staatsverschuldung: Der Rekord an neu emittierten Staatsanleihen trifft auf begrenzte Nachfrage. Um genügend Käufer anzulocken, müssen die Kupons steigen.
👉 Zinsaussichten: Eine unerwartet robuste Konjunktur und wiederkehrende Inflation sorgen dafür, dass die Notenbanken die Zinsen zuletzt wieder erhöhen mussten.
👉 Strukturwandel der Käufer: Die US-Notenbank und andere Zentralbanken drosseln ihre Käufe.
👉 Hoher Kapitalbedarf: Auch Unternehmen, die massiv in künstliche Intelligenz investieren, sind hungrig nach Kapital, was den Wettbewerb um Liquidität verschärft.
Seit dem Beginn des Irankrieges haben die Anleihenrenditen erneut eine steile Aufwärtsbewegung hingelegt. Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe stieg von gut 4,0 % auf deutlich über 5,3 % und markierte den höchsten Stand seit 2002. Auch 2-jährige US-Papiere klettern in der Spitze auf 4,8 %. In Europa stieg die Verzinsung 10-jähriger deutscher Bundesanleihen auf 3,4 % und somit auf den höchsten Stand seit 2009. Besonders brisant ist die Lage in Frankreich: Hier kratzen die Renditen an der 5,0 %-Marke – ein enormer Zinsaufschlag von 1,5 Prozentpunkten gegenüber Deutschland.
Wichtig zu verstehen für ETF-Anleger: Anders als beim Tagesgeldkonto bedeuten steigende Zinsen an der Börse zunächst fallende Notierungen.
Die Grundregel lautet: Steigen die Marktzinsen, sinken die Kurse bereits ausgegebener Anleihen. Warum? Niemand kauft dir eine alte Anleihe mit 1,0 % Zinsen zum vollen Preis ab, wenn neue Papiere 5,0 % abwerfen. Der Preis der alten Anleihe muss folglich so weit sinken, bis die Gesamtrendite für den Käufer wieder gleich ist. Die Intensität dieses Kursverlustes hängt dabei von der Restlaufzeit (Duration) ab: Je länger die Anleihe läuft, desto stärker schlägt der Zinsanstieg durch – genau das stellt unser Chart dar.
Schlussfolgerung für dich: Wer blind in Anleihe-ETFs investiert, ohne die Produkte genau zu verstehen, spielt mit dem Feuer.
Was kannst du jetzt im Portfolio tun?
Einzelne Anleihen von Staaten oder Unternehmen zu kaufen und auszuwählen, ist für Privatanleger oft schwierig oder schlichtweg unmöglich. Anleihen-ETFs bündeln Hunderte Papiere liquide und transparent in einem einzigen Wertpapier und vereinnahmen aufgelaufene Zinsen automatisch. Dabei hast du die volle Bandbreite zur Auswahl – egal ob Staatsanleihen, Unternehmensanleihen oder gemischte Körbe, mit hoher Bonität (Investment Grade) oder als potenziell ertragsstärkere Hochzinsanleihen (High Yield). Die nachfolgenden Ansätze zeigen beispielhaft, wie du Anleihen derzeit einsetzen könntest.
a) Kurzläufer als risikoarmer Teil
Wenn du Kapital sicher parken möchtest, ohne große Kursrisiken einzugehen, sind ETFs auf kurzlaufende Staats- oder Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating (z. B. Laufzeiten mit bis zu drei Jahren) das Mittel der Wahl. Sie reagieren, wie oben im Beispiel gezeigt, weniger auf Zinsänderungen. Hier nimmst du einfach die aktuell attraktiven Zinsen mit, ohne dir Sorgen um stark schwankende Kurse machen zu müssen.
b) Langläufer: Wette und Absicherung in einem
Wer jetzt in langlaufende Anleihen (ETF mit 20+ Jahren Restlaufzeit) investiert, sucht eher keine Ruhe im Depot, sondern geht vielmehr eine gezielte Wette ein. Langläufer sind hochgradig volatil. Aber genau das könnte sie interessant machen.
Sollten die Zinsen in Zukunft wieder fallen, schnellt der Kurs dieser Anleihen nach oben. Sinken die Zinsen am Markt um nur 1 %, dürfte ein 20-Jahre-Anleihen-ETF um etwa 16 % im Kurs zulegen. Langläufer sollten somit definitiv nicht dem risikoarmen Teil des Portfolios zugerechnet werden.
Auf der anderen Seite können sie aber auch als eine Art Versicherung gegen wirtschaftliche Krisen dienen: Kommt es zu einer Rezession, müssen die Notenbanken die Zinsen senken. Genau in diesem Moment würden die Langläufer im Kurs stark steigen und mögliche Verluste in anderen Anlageklassen abfedern.
c) Laufzeit-ETFs (Maturity Bonds)
Eine beliebte Lösung sind auch sogenannte Maturity Bonds. Das sind ETFs, die wie eine einzelne Anleihe funktionieren: Sie haben ein festes Enddatum. Ein solcher ETF kauft einen Korb voller Anleihen, die alle etwa zum selben Zeitpunkt fällig werden. Am Ende der Laufzeit wird der ETF aufgelöst und das Geld an dich ausgeschüttet.
Der Vorteil: Hältst du diesen ETF bis zum Ende der Laufzeit, kannst du zwischenzeitliche Kursschwankungen völlig ignorieren. Du sicherst dir damit eine gut planbare Rendite für einen festgelegten Zeitraum – sehr ähnlich wie bei einem klassischen Festgeldkonto, nur dass du den ETF jederzeit an der Börse verkaufen könntest, wenn du spontan an dein Geld musst.
Der Haken: Für ein dauerhaftes „Buy and Hold“ eignet sich dieser Ansatz nicht. Nach Erreichen des Enddatums wird das Kapital liquidiert und du musst dich aktiv um die Wiederanlage kümmern.
Die unsichtbare Gefahr des Währungsrisikos
Kaufst du US-Staatsanleihen (wie in der oben genannten Grafik) oder andere in US-Dollar denominierte Anleihen, investierst du zwangsläufig in US-Dollar. Selbst wenn die Anleihe eine sichere Rendite abwirft, bist du den Schwankungen des Wechselkurses ausgeliefert. Verliert der Dollar gegenüber dem Euro an Wert, schmilzt deine Anleihen-Rendite aus Euro-Sicht dahin.
Die Regel lautet daher: Willst du mit Anleihen wirklich Sicherheit in dein Portfolio bringen, greifst du entweder zu Anleihen, die in Euro notieren, oder zu währungsgesicherten ETFs.